Missbrauch und Schläge = Erziehung nach Auschwitz
[erste Notizen]Wenn man - aufgeregt angesichts der Sauereien, die gegenwärtig durch die Medien gehen - noch einmal Adorno liest: Erziehung nach Ausschwitz, können einem die Augen aufgehen:
... Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt...
Nach den Bedingungen des Barbarischen ist zu fragen, nicht nach der Psychopathologie des einzelnen Täters, den individuellen Motiven (des vom Zölibat gepeinigten Priesters oder des sich mit pädophilen Neigungen quälenden Lehrers/Erziehers). Die mögen die Therapeuten interessieren, die sich mit den traurigen Gestalten befassen müssen, aber doch nicht die Öffentlichkeit.
Zu diskutieren wäre das Problem, dass offenbar die Funktionseliten und Funktionäre des deutschen Erziehungssystems, die Adornos Diagnose und Forderung nicht begriffen haben bzw. nicht begreifen wollten, an der Vorstellung einer totalen Unterwerfung eines Subjekts bzw. der totalen Verfügbarkeit eines menschlichen Objekts durch/ für den Erzieher festgehalten haben. Als System und bis in die Verästelungen des psychischen Apparats seiner Funktionäre ...
Der Runde Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ hat sich am 17. Februar 2009 konstituiert. Nach fast einem Jahr der intensiven Aufarbeitung legte er einen Zwischenbericht vor, der gemeinsame Einschätzungen der Mitglieder des Runden Tisches zu einer tragfähigen Bewertung der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre bündelt. - Eine Sammlung von Grausamkeiten aus kirchlich, weitgehend protestantisch geführten Erziehungsinstitutionen, und eine erste Bewertung, die die Kontinuität zum Faschismus herausstellt ...
Im Klosterinternat Ettal "wurde systematisch misshandelt" ...
Bis zu 100 Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule
Ob nun nur auch Regensburger Domspatzen oder auch andere Kinder und Jugendliche, die von ihren das Beste wollenden Eltern oder vom Staat diesen Institutionen ausgeliefert wurden, betroffen sind: Deutlich wird ein Grundzug anhaltend autoritärer Vorstellung von Erziehung, die auch dem öffentlichen Schulwesen nicht fremd ist: Das zu erziehende Subjekt hat sich zu unterwerfen, verfügbar zu sein - und da unterscheiden sich faschistische, autoritäre, neoliberale und ggfs. sogar sog. reformpädagogische Systeme nicht bzw. nur graduell in ihrem Verfügungswahn, ihrem Vernutzungs- und Herrschaftsanspruch über das Individuum ... It's a thin line zwischen der täglichen Forderung, sich dem immer wiederkehrenden Unterrichtsarrangement zu fügen, und dem Griff in die Hose ... Schule/Erziehungsinstitutionen als umfassende Kontrollanordnungen bringen das offenbar notwendig hervor - und man glaube doch nicht, das sei ein historisches Problem, dass es (nur) aufzuarbeiten gelte. Jungliberal gewendet findet sich das in der aktuellen Lebensweisheit: Ficken oder gefickt werden ... oder: Employability rules!
... Vielfach wird von Wohlmeinenden, die nicht möchten, dass es noch einmal so komme, der Begriff der Bindung zitiert. Dass die Menschen keine Bindung mehr hätten, sei verantwortlich für das, was da vorging. Tatsächlich hängt der Autoritätsverlust, eine der Bedingungen des sadistisch-autoritären Grauens, damit zusammen. Für den gesunden Menschenverstand ist es plausibel, Bindungen anzurufen, die dem Sadistischen, Destruktiven, Zerstörerischen Einhalt tun durch ein nachdrückliches "Du sollst nicht". Trotzdem halte ich es für eine Illusion, dass die Berufung auf Bindung oder gar die Forderung, man solle wieder Bindungen eingehen, damit es besser in der Welt und in den Menschen ausschaue, im Ernst frommt. Die Unwahrheit von Bindungen, die man fordert, nur damit sie irgend etwas - und sei es auch Gutes - bewirken, ohne dass sie in sich selbst von den Menschen noch als substantiell erfahren werden, wird sehr rasch gefühlt... Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen...
[Nachtrag]
Odenwaldschule: Reaktionen: Schweigen - alte Rechnungen - Skandalisierung
Mareschs Ausfälle gegen Adorno sind bezeichnend für die aktuelle Skandalisierung von Vorgängen, von denen man spätestens seit einer Veröffentlichung der FR von 1999 wissen konnte:
Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben
Rudolf Maresch tp 07.03.2010
Auch an der Odenwaldschule, einem reformpädagogischen Vorzeigeprojekt, wurden der Rousseauismus und die "Erziehung vom Kinde aus" allzu wörtlich genommen
Jüngst haben wir am Ende unseres ausführlichen Kommentars über die "schwarzen Netzwerke" des "Geheimen Deutschlands" darauf hingewiesen, dass der pädagogische Bildungsprozess der Bundesrepublik ebenso "untergründig" wie entscheidend von dem Kreis um den Dichter Stefan George mitgeprägt worden ist, namentlich von den Familien Weizsäcker, Picht und Becker...
Andreas Gruschka unternimmt den Versuch, einen differenzierten Blick auf die Vorgänge, die Reaktionen und vor allem die mangelnde Aufarbeitung in der wissenschaftlichen Pädagogik zu werfen:
In den ersten Monaten des Jahres entstand ein heilloses Durcheinander zwischen spontanen Entschuldigungen und Anklagen, unsicherer eigener Rechtfertigung und Selbstbezichtigung. Nur wenige Gesprächspartner konnten sich in dieser Zeit dem Sog der „erregten Aufklärung“ (K. Rutschky) entziehen, der mit der galoppierenden Skandalisierung des Skandals über Wochen entfacht wurde. Der sexuelle Missbrauch in Schulen musste schier als der GAU der Pädagogik wahrgenommen werden: Nun war es raus, was hinter all den guten reformpädagogischen Wünschen, Modellen und Praktiken verborgen war und sein Unwesen treiben konnte! Die einen Kollegen schwiegen laut, andere wussten wie immer sofort Bescheid, wieder andere beschämten mit ihrer artikulierten Hilflosigkeit.
Nachdem die Aufregung etwas abgeflaut ist, lässt sich vielleicht aufklärend deuten, was hier hochgekommen ist und was die Reaktionen auf den Skandal ausdrücken. ...
“Erregte Aufklärung” – ein pädagogisches und publizistisches Desaster
Forum Kritische Pädagogik und PÄDAGOGISCHE KORRENSPONDENZ Heft 42/Herbst 2010
Einiges cheint i.Ü. für meine These zu sprechen, dass das eigentliche Problem der wie immer ideologisch verblendete Verfügbarkeits-/Überwältigungsgestus der Pädagogen/der Pädagogik ist ... Genauer zu klären wäre, wie sich sich entsprechende Elemente der Theorie(n) und individuelle und gesellschaftlich vermittelte Dispositionen - in bestimmten Milieus - zu solchem Gebräu verdichten. Meine Theorie der handlungsleitenden Skripte, die sich der bewussten Wahrnehmung der Handelnden entziehen ... die systemimmanente normalität...
[Nachtrag2]
autismuskritik stellt in den folgenden Beiträgen - assoziation: anmerkungen zum ganzen komplex heime/schulen, kirche, gewalt gegen kinder etc. (1) (2) (3) - u.a. diese interessante Frage:
... besitzt die bis heute immer als "abstrus" bezeichnete wahrnehmung der ersten raf-generation von der brd als quasi-faschistischem staat in den realen erfahrungen ihrer ersten beiden (gründungs-)generationen ihre eigentliche basis?
denn diese beiden ersten "terroristischen" "generationen" setzten sich zu einem großteil aus menschen zusammen, die entweder am eigenen leib - bspw. der schon genannte peter-jürgen boock, stefan wisniewskioder auch inge viett (bewegung 2. juni), unmittelbare persönliche erfahrungen mit dem heimsystem der brd hatten oder aber, wie bspw. ulrike meinhof als journalistin, nach intensiven recherchen von diesen zuständen in den heimen wussten.
und es gibt aber noch ein zweite art der totalen institution, die zur quelle späterer raf-mitgliedschaften wurde: die psychiatrie. hier heisst das stichwort sozialistisches patientenkollektiv:
"Einige Mitglieder des SPK wechselten (...) zur RAF, darunter Klaus Jünschke, Margrit Schiller, Lutz Taufer, Bernhard Rössner, Hanna Krabbe und Siegfried Hausner, Elisabeth von Dyck, Ralf Baptist Friedrich, Sieglinde Hofmann und mutmaßlich Friederike Krabbe."
wer die zustände in der bundesdeutschen psychiatrie ende der 1960er jahre kennt, kann etliche strukturelle gemeinsamkeiten mit der situation in den heimen entdecken. auch das dürfte für einige der raf-mitglieder, die nicht alle als patientInnen ins spk kamen, eine sehr prägende lektion gewesen sein.
und vor diesem hintergrund wird die raf-spezifische wahrnehmung des staates brd durchaus nachvollziehbarer, wie ich finde - ebenso wie die täter-opfer-dialektik es verständlicher machen kann, warum betroffene aus den totalen institutionen militant zurückschlugen gegen einen staat, der ihnen aus eigenem erleben tatsächlich mit einer faschistischen fratze begegnete.
[Nachtrag 3]
Hier: St. Blasien
Von Prof. Christian Sigrist
... Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt...
Nach den Bedingungen des Barbarischen ist zu fragen, nicht nach der Psychopathologie des einzelnen Täters, den individuellen Motiven (des vom Zölibat gepeinigten Priesters oder des sich mit pädophilen Neigungen quälenden Lehrers/Erziehers). Die mögen die Therapeuten interessieren, die sich mit den traurigen Gestalten befassen müssen, aber doch nicht die Öffentlichkeit.
Zu diskutieren wäre das Problem, dass offenbar die Funktionseliten und Funktionäre des deutschen Erziehungssystems, die Adornos Diagnose und Forderung nicht begriffen haben bzw. nicht begreifen wollten, an der Vorstellung einer totalen Unterwerfung eines Subjekts bzw. der totalen Verfügbarkeit eines menschlichen Objekts durch/ für den Erzieher festgehalten haben. Als System und bis in die Verästelungen des psychischen Apparats seiner Funktionäre ...
Der Runde Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ hat sich am 17. Februar 2009 konstituiert. Nach fast einem Jahr der intensiven Aufarbeitung legte er einen Zwischenbericht vor, der gemeinsame Einschätzungen der Mitglieder des Runden Tisches zu einer tragfähigen Bewertung der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre bündelt. - Eine Sammlung von Grausamkeiten aus kirchlich, weitgehend protestantisch geführten Erziehungsinstitutionen, und eine erste Bewertung, die die Kontinuität zum Faschismus herausstellt ...
Im Klosterinternat Ettal "wurde systematisch misshandelt" ...
Bis zu 100 Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule
Ob nun nur auch Regensburger Domspatzen oder auch andere Kinder und Jugendliche, die von ihren das Beste wollenden Eltern oder vom Staat diesen Institutionen ausgeliefert wurden, betroffen sind: Deutlich wird ein Grundzug anhaltend autoritärer Vorstellung von Erziehung, die auch dem öffentlichen Schulwesen nicht fremd ist: Das zu erziehende Subjekt hat sich zu unterwerfen, verfügbar zu sein - und da unterscheiden sich faschistische, autoritäre, neoliberale und ggfs. sogar sog. reformpädagogische Systeme nicht bzw. nur graduell in ihrem Verfügungswahn, ihrem Vernutzungs- und Herrschaftsanspruch über das Individuum ... It's a thin line zwischen der täglichen Forderung, sich dem immer wiederkehrenden Unterrichtsarrangement zu fügen, und dem Griff in die Hose ... Schule/Erziehungsinstitutionen als umfassende Kontrollanordnungen bringen das offenbar notwendig hervor - und man glaube doch nicht, das sei ein historisches Problem, dass es (nur) aufzuarbeiten gelte. Jungliberal gewendet findet sich das in der aktuellen Lebensweisheit: Ficken oder gefickt werden ... oder: Employability rules!
... Vielfach wird von Wohlmeinenden, die nicht möchten, dass es noch einmal so komme, der Begriff der Bindung zitiert. Dass die Menschen keine Bindung mehr hätten, sei verantwortlich für das, was da vorging. Tatsächlich hängt der Autoritätsverlust, eine der Bedingungen des sadistisch-autoritären Grauens, damit zusammen. Für den gesunden Menschenverstand ist es plausibel, Bindungen anzurufen, die dem Sadistischen, Destruktiven, Zerstörerischen Einhalt tun durch ein nachdrückliches "Du sollst nicht". Trotzdem halte ich es für eine Illusion, dass die Berufung auf Bindung oder gar die Forderung, man solle wieder Bindungen eingehen, damit es besser in der Welt und in den Menschen ausschaue, im Ernst frommt. Die Unwahrheit von Bindungen, die man fordert, nur damit sie irgend etwas - und sei es auch Gutes - bewirken, ohne dass sie in sich selbst von den Menschen noch als substantiell erfahren werden, wird sehr rasch gefühlt... Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen...
[Nachtrag]
Odenwaldschule: Reaktionen: Schweigen - alte Rechnungen - Skandalisierung
Mareschs Ausfälle gegen Adorno sind bezeichnend für die aktuelle Skandalisierung von Vorgängen, von denen man spätestens seit einer Veröffentlichung der FR von 1999 wissen konnte:
Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben
Rudolf Maresch tp 07.03.2010
Auch an der Odenwaldschule, einem reformpädagogischen Vorzeigeprojekt, wurden der Rousseauismus und die "Erziehung vom Kinde aus" allzu wörtlich genommen
Jüngst haben wir am Ende unseres ausführlichen Kommentars über die "schwarzen Netzwerke" des "Geheimen Deutschlands" darauf hingewiesen, dass der pädagogische Bildungsprozess der Bundesrepublik ebenso "untergründig" wie entscheidend von dem Kreis um den Dichter Stefan George mitgeprägt worden ist, namentlich von den Familien Weizsäcker, Picht und Becker...
Andreas Gruschka unternimmt den Versuch, einen differenzierten Blick auf die Vorgänge, die Reaktionen und vor allem die mangelnde Aufarbeitung in der wissenschaftlichen Pädagogik zu werfen:
In den ersten Monaten des Jahres entstand ein heilloses Durcheinander zwischen spontanen Entschuldigungen und Anklagen, unsicherer eigener Rechtfertigung und Selbstbezichtigung. Nur wenige Gesprächspartner konnten sich in dieser Zeit dem Sog der „erregten Aufklärung“ (K. Rutschky) entziehen, der mit der galoppierenden Skandalisierung des Skandals über Wochen entfacht wurde. Der sexuelle Missbrauch in Schulen musste schier als der GAU der Pädagogik wahrgenommen werden: Nun war es raus, was hinter all den guten reformpädagogischen Wünschen, Modellen und Praktiken verborgen war und sein Unwesen treiben konnte! Die einen Kollegen schwiegen laut, andere wussten wie immer sofort Bescheid, wieder andere beschämten mit ihrer artikulierten Hilflosigkeit.
Nachdem die Aufregung etwas abgeflaut ist, lässt sich vielleicht aufklärend deuten, was hier hochgekommen ist und was die Reaktionen auf den Skandal ausdrücken. ...
“Erregte Aufklärung” – ein pädagogisches und publizistisches Desaster
Forum Kritische Pädagogik und PÄDAGOGISCHE KORRENSPONDENZ Heft 42/Herbst 2010
Einiges cheint i.Ü. für meine These zu sprechen, dass das eigentliche Problem der wie immer ideologisch verblendete Verfügbarkeits-/Überwältigungsgestus der Pädagogen/der Pädagogik ist ... Genauer zu klären wäre, wie sich sich entsprechende Elemente der Theorie(n) und individuelle und gesellschaftlich vermittelte Dispositionen - in bestimmten Milieus - zu solchem Gebräu verdichten. Meine Theorie der handlungsleitenden Skripte, die sich der bewussten Wahrnehmung der Handelnden entziehen ... die systemimmanente normalität...
[Nachtrag2]
autismuskritik stellt in den folgenden Beiträgen - assoziation: anmerkungen zum ganzen komplex heime/schulen, kirche, gewalt gegen kinder etc. (1) (2) (3) - u.a. diese interessante Frage:
... besitzt die bis heute immer als "abstrus" bezeichnete wahrnehmung der ersten raf-generation von der brd als quasi-faschistischem staat in den realen erfahrungen ihrer ersten beiden (gründungs-)generationen ihre eigentliche basis?
denn diese beiden ersten "terroristischen" "generationen" setzten sich zu einem großteil aus menschen zusammen, die entweder am eigenen leib - bspw. der schon genannte peter-jürgen boock, stefan wisniewskioder auch inge viett (bewegung 2. juni), unmittelbare persönliche erfahrungen mit dem heimsystem der brd hatten oder aber, wie bspw. ulrike meinhof als journalistin, nach intensiven recherchen von diesen zuständen in den heimen wussten.
und es gibt aber noch ein zweite art der totalen institution, die zur quelle späterer raf-mitgliedschaften wurde: die psychiatrie. hier heisst das stichwort sozialistisches patientenkollektiv:
"Einige Mitglieder des SPK wechselten (...) zur RAF, darunter Klaus Jünschke, Margrit Schiller, Lutz Taufer, Bernhard Rössner, Hanna Krabbe und Siegfried Hausner, Elisabeth von Dyck, Ralf Baptist Friedrich, Sieglinde Hofmann und mutmaßlich Friederike Krabbe."
wer die zustände in der bundesdeutschen psychiatrie ende der 1960er jahre kennt, kann etliche strukturelle gemeinsamkeiten mit der situation in den heimen entdecken. auch das dürfte für einige der raf-mitglieder, die nicht alle als patientInnen ins spk kamen, eine sehr prägende lektion gewesen sein.
und vor diesem hintergrund wird die raf-spezifische wahrnehmung des staates brd durchaus nachvollziehbarer, wie ich finde - ebenso wie die täter-opfer-dialektik es verständlicher machen kann, warum betroffene aus den totalen institutionen militant zurückschlugen gegen einen staat, der ihnen aus eigenem erleben tatsächlich mit einer faschistischen fratze begegnete.
[Nachtrag 3]
Hier: St. Blasien
Von Prof. Christian Sigrist
gebattmer - 2010/03/06 19:57
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