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Literatur unterrichten

Herr Appaz sagt (II):

seine Lieblingskritik sei diese:

0000446064(Der Roman) reduziert sich im Wesentlichen auf
das bekannte Spaßprogramm aus Saufen, Kiffen und Sex.
(...) Von Literatur keine Spur,
an dem Autor scheint die Moderne
völlig vorbeigegangen zu sein.
Insgesamt ein postpubertärer Quatsch
in einem, zugegeben, schön gestalteten Buch.
Bewertung: 1 von 5 Punkten"
(Financial Times Deutschland)

Ich nehme ihm das nicht ganz ab. Andererseits redet Appaz für gewöhnlich nicht unüberlegt daher. Und überhaupt ist "1975 ..." kürzlich als Taschenbuch erschienen und sei als Urlaubslektüre schwer empfohlen.

Archäologie XXV - 30. Oktober 1947

brecht

Brecht and the HUAC

Listen to an excerpt of Bertolt Brecht's testimony before the House Committee on Un-American Activities in 1947. Like the famous "Hollywood Ten," Brecht was later charged with contempt of Congress — but managed to avoid a jail sentence since he had already fled the country.

oder hier auch als mp3:
Internet-Archive








Leider fehlt in dieser Aufnahme Brechts "statement", mit dem er mehrmals auf die Frage nach der Mitgliedschaft in der KPD antwortet: My name is Bertolt Brecht. I was born in Augsburg ....

Zuweilen VII

bemerkt man erst, wenn man vom Tod eines Menschen erfährt, dass er einem eigentlich schon länger gefehlt hat. Mir wird dieses Gesicht immer in Erinnerung bleiben: Erwin Geschonneck in Frank Beyers Verfilmung von Jurek Beckers einzigartigem Roman Jakob der Lügner:
erwin_geschonneck_jakub-the-liar
Jacob1

Ausnahmsweise sei hier der Nachruf der HAZ zitiert, weil nicht wie üblich bei seinem Ableben auf einen Kommunisten gepisst werden musste:
Er hat mit vielen zusammengearbeitet, die im 20. Jahrhundert Film- und Theatergeschichte geschrieben haben: vor dem Krieg mit Erwin Piscator an der Jungen Volksbühne, nach dem Krieg mit Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen und mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble. Da hatte ihn auch schon der Regisseur Helmut Käutner fürs Kino entdeckt.
Erwin Geschonneck hat selbst Film- und Theatergeschichte geschrieben. Der Sohn eines Flickschusters und Nachtwächters war der vielleicht bekannteste Schauspieler in der DDR. In weit mehr als 100 Film- und Fernsehfilmen hat er mitgespielt. „Das kalte Herz“ (1950), „Fünf Patronenhülsen“ (1960), „Nackt unter Wölfen“ (1962), „Karbid und Sauerampfer“ (1963) zählen zu den bekanntesten. Gestern ist Erwin Geschonneck im Alter von 101 Jahren gestorben.
Was hätte der am 27. Dezember 1906 in Ostpreußen geborene Schauspieler für eine Weltkarriere machen können: Er spielte mit in dem Gettodrama „Jakob der Lügner“ (1974). Frank Beyers Film war der einzige aus der Defa-Produktion, der je für den Oscar nominiert wurde. Doch blieb der Kommunist Geschonneck seinem Staat treu, ohne sich je mit ihm gemein zu machen. Die Akademie der Künste würdigte ihn gestern als einen „aufrechten, unbeugsamen Zeitgenossen“. Wurde Geschonneck gefragt, warum er nie versucht habe, seiner Berliner Plattenbauwohnung und dem ganzen eingemauerten Land zu entkommen, antwortete er: „Mir genügte es auch, ein guter Schauspieler zu sein.“
Kraftvollen, knorrigen, oft mit viel Selbstironie ausgestatteten Figuren hauchte er Leben ein. Nicht immer konnte er mit seinen Rollen hohe Sympathiewerte erzielen: In „Das Beil von Wandsbek“ (1951) war er der unauffällige Familienvater, der den Nazis als Henker diente. In „Sonnensucher“ (1958) spielt er einen aufrechten Kommunisten, der sich gegen verbohrte Funktionäre zur Wehr setzte – beide Filme waren in der DDR zunächst verboten. In „Karbid und Sauerampfer“ schlug er sich als „Karbid-Kalle“ nach Schwejkscher Art durch die Zone, um sieben Fässer Karbid zu ergattern. In „Nackt unter Wölfen“ (1963) gehört er zu den Häftlingen im KZ-Buchenwald, die sich der SS entgegenstellen.
Seinen letzten Film „Matulla und Busch“ drehte er 1995 unter der Regie seines Sohnes Matti Geschonneck. Für Heiner Müller und dessen Projekt „Duell Traktor Fatzer“ kehrte er in den neunziger Jahren noch einmal ans Berliner Ensemble zurück.
Es war wohl kein Zufall, dass in Geschonnecks Filmen immer wieder der Kampf gegen den Faschismus auftaucht: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ging er ins Exil, bis nach Odessa in die Sowjetunion verschlug es ihn. Er wurde ausgewiesen und 1939 in Prag verhaftet, überlebte die Todeslager Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zählte er zu den 4000 KZ-Häftlingen auf dem Schiff Cap Arcona, das von der Royal Airforce versenkt wurde. 350 KZ-Häftlinge kamen damals mit dem Leben davon. Einer davon war Geschonneck.
Seine letzte Ruhe wird er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof finden, dem traditionsreichen Künstlerfriedhof in Berlin. Seine Grabstätte liegt gleich neben der von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Das ist ein würdiger Platz für den Volksschauspieler Erwin Geschonneck.

Ausgabe: HAZ Datum: 13.03.2008
erwin_geschonneck

„Widerstand und Anpassung – Überlebensstrategie“
Erinnerungen eines Mannes an das Lager Dachau
Originaltonfeature von Thomas Heise
Rundfunk der DDR, 1987 verboten
Ursendung: 1989
via Zero G Sound - Das muss man hören!!!!
Zero G Sound ist nicht genug zu loben für die Arbeit, solch wichtige Dokumente zu erhalten und zu verbreiten ...

Alter Mann im Reading Room

logo_rr Die FAZ hat einen eingerichtet für Martin Walser, genauer für seinen neuen Roman, den sie auch vorab oder nur druckt. Was insofern erstaunt, als vor nicht allzu langer Zeit (2002) Schirrmacher Walser einen Brief schrieb, den er auch gleich veröffentlichte, in dem er ihm erklärte, warum die FAZ seinen Roman "Tod eines Kritikers" nicht abdrucken wolle: der sei antisemitisch! (Perlentaucher hat die Auseinandersetzung um den Roman dokumentiert.) Am treffendsten in dieser Debatte wohl Klaus Theweleit (über die Geschäftemacherei mit dem Antisemitismus), der den Vorgang einen "primitiven Rattenkrieg" nennt. Theweleit hält "sowohl Walser als auch Reich-Ranicki, seit dreißig Jahren schon, für absolut amoralische Typen: für Maulhelden, die jede Gelegenheit beim Schwanz packen, sich selbst ins Öffentliche zu schieben, egal womit". Wäre der Roman "Tod eines Kritikers" von einem unbekannten Autor, wäre er ignoriert worden. Für ihn sei Walser auch kein Nationalkonservativer, denn er habe keine Ideologie, "außer jener, im Mittelpunkt stehen zu müssen." Walser, Ranicki, Schirrmacher verfolgten vor allem Eigeninteressen: "Das sind Markt-Machos, die sich auf ekelhafteste Weise ihre Taschen füllen." Theweleit sieht Missbrauch von allen Seiten. Auch was die aktuellen Debatten um Israel betreffe: Deutsche hätten dazu die "Klappe" zu halten. "Alles andere ist unanständig."
Unanständig ist dann auch der FAZ-ReadingRoom, denn man geht doch wohl nicht in den Room mit dem, den man neulich einen Antisemiten nennen musste. Es sei denn, man hätte nicht gemusst. Oder es war halt nicht so schlimm.
martin_walser260- Mit Theweleits Analyse kommt man weiter; sie kann aber auch nicht erklären, warum einer, der in seinen Romanen bis Anfang der 80er Jahre die Kleinbürger der alten BRD so gnadenlos sezieren konnte (Anselm Kristlein!), mit der Entdeckung seines Leidens an der deutschen Teilung (Dorle und Wolf) abzudrehen begann. Es sei denn, man nehme an, Walser habe immer nur verkaufen wollen. Dazu aber war er zu gut, und manchmal ist er es auch jetzt noch - und daher hier der Hinweis, dass im erwähnten Room auf Walsers Lesungen aus seinem neuen Roman "Ein liebender Mann" (auf NDR Kultur) verlinkt wird: Von Zeit zu Zeit hör ich den Alten gern ... (auch wenn ich nicht den ganzen Roman lesen wollte: alter Mann und junge Frau, das nervt: vgl. auch Roths Zuckerman)
Gehen Sie. Jede Sekunde Ihrer Gegenwart ist … eine … Revolution. Ich habe Angst.
Sie sah ihn an, sagte nichts.
Jetzt sind Ihre Augen grün, sagte er. Rein grün.
Ich finde Angst nicht schlimm, sagte sie in einem lauten, harmlosen, nichtsnutzigen Umgangston.
Und er: Es wäre schön, einen Menschen zu haben, der genau die Angst empfindet, die man selber hat. Das wäre Nähe. Das wäre die Nähe selbst.
Oh, sagte sie, das ist wieder so ein Satz von Ihnen. Einen Menschen haben, der genau die Angst empfindet, die man selbst hat. Exzellenz, darf ich sagen, was ich denke?
Wer mir nicht sagt, was er denkt, beleidigt mich, sagte er. Schon wieder so ein Satz. Von Ihnen. Ihre Sätze wirken auf mich immer so endgültig. Kein Nachdenken mehr möglich oder nötig. Es ist, wie es ist beziehungsweise wie Sie es gesagt haben. Ich finde den Physik- und Chemieunterricht immer am spannendsten, weil da etwas passiert. Es kommt etwas heraus. Durch eine Versuchsanordnung. Wenn wir, natürlich nur Sie und ich, mit Ihren Sätzen oder überhaupt mit Sätzen, die diesen Geltungston haben, experimentieren würden, wäre das unerlaubt oder interessant?
Und er: Je unerlaubter, um so interessanter.
Schon wieder so eine Satzhoheit, sagte Ulrike, lachte aber ganz fröhlich. Also, sagte sie dann, bevor Sie weitere Erlasse erlassen, vielleicht waren Sie zu lange Staatsminister, komme ich jetzt und sage: Alle diese Sätze sind, wenn man sie umdreht, genau so wahr.
Goethe konnte nicht weniger fröhlich sagen, dass Ulrikes Satz an Gesetzhaftigkeitsdrang seine Sätze bei weitem übertreffe.
Aber, sagte Ulrike, ich trete sofort den Beweis an, dass das Gegenteil genau so wahr klingt. Ich sage nicht, ist, sondern klingt.
Ich bitte darum, sagte er.
Sie: Es wäre schön, einen Menschen zu haben, der genau die Angst nicht hat, unter der man selber leidet.
Er: Weiter!
Sie: Wer mir sagt, was er denkt, beleidigt mich. Bitte, Exzellenz, nicht jetzt prüfen, ob das mit Ihrer Erfahrung sich decke, nur, ob es genau so wahr klinge wie das Gegenteil.
Ulrike, sagte er, Sie werden mir auf die erwünschteste Weise gefährlich. Bitte, drehen Sie diesen Satz nicht um. Für heute reicht es.
Grollen Sie jetzt, Exzellenz?

Kunze!

Tobias! Nicht HeinzRudolf!
Tobias-Kunze
Tobias Kunze sah ich kürzlich im Kunstraum. Dort veranstaltet Herr K. regelmäßig Kleinkunstabende.
Tobias Kunze sollte man sehen:

und lesen:
den Text zum Video - und noch einen Text
und unbedingt hören:
Tobias-Kunze-player
oder anders hören!

Weil du nicht da bist



via
Zero G Sound:




"Ich aß die grünenden Früchte
der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das
dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor
unerschlossenen Zonen,
Zur Heimat erkor ich mir
die Liebe."


Doktor Drostes Sprachsprechstunde

z.B. die vom vom 02. Februar 2007:

"Wenn der Eckpunkt zeitnah Sinn macht"
| 3:25 min | 1,6 MB

Wiglaf Droste wirft Pflastersteine in Zeitfenster bei mdrFigaro-Podcasts.

Herr Appaz sagt:

(nicht in die Reihe Wise man says aufgenommen, weil Appaz nicht über 60 ist! - ich denke über eine Teilung nach: Wise man says und Wise old man says ...):

appazHerr Appaz, Sie sind weder schwarz noch schwul, Sie haben keine jüdischen Vorfahren, Sie kommen auch nicht aus der ehemaligen DDR, Sie waren nie drogenabhängig und sind jetzt clean, mit anderen Worten: Sie sind verdammt normal.
Wieso glauben Sie dennoch, dass Sie eine Chance auf dem deutschen Buchmarkt haben?
Appaz:
Ich habe immer noch lange Haare.

Frage:
Wird das wirklich reichen?

Appaz:
Ein Roman wie "1975" war schon lange überfällig. Uwe Timm schreibt seit 1968 über 1968, und Regener bemüht sich redlich um die 80er Jahre. Über die Zeit dazwischen gibt es nichts. Im Übrigen habe ich tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, was ja eher selten geworden ist...
Frage:
Wählen Sie aus den nachfolgenden Rockgitarristen Ihren absoluten Favouriten:
Jimi Hendrix, Eric Clapton, Carlos Santana?
Appaz:
Dave Davies! Wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Gitarrist in der Geschichte der Rockmusik. Von welcher Band er ist, müssen Sie selber rauskriegen.
Frage:
Ihr aufregendstes Erlebnis?
Appaz:
Die Mondlandung! Meine Eltern hatten extra zu diesem Anlass ihren ersten Fernseher gekauft, und ich durfte bis drei Uhr morgens aufbleiben. Die Mondlandung war um vier.
Frage:
Ihr größter Traum?
Appaz:
Dass Hannover am Meer liegen würde...
Frage:
Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Appaz:
Es geht mir allemal besser als Heinz Rudolf.
Frage:
Was haben Sie der Jugend von heute zu sagen?
Appaz:
(ohne zu zögern)
Mauert die Eingänge der Frankfurter Börse zu. Feiert internationale Partys in den Bankenvierteln von London, Paris und Zürich. Erklärt der Geiz-ist-geil-Gesellschaft den Krieg. Nehmt xxxx und xxxx und xxxx und wie sie alle heißen endlich ihre Millionen weg. Wenn ihr das nicht wollt, werdet einfach Fußballspieler. Oder Comedy Blödmann, Super-Star, Talkmaster, Fernsehkoch. Je dümmer umso besser! Und eure Drogen kriegt ihr dann auch noch frei Haus geliefert...
Frage:
Welche Bevölkerungsgruppe macht Ihnen derzeit am meisten Angst?
Appaz:
Die Leute, die ihren X5, Q7, H3, G55 oder XC90 für durchaus geeignet halten, um damit morgens die Brötchen zu holen. Und die von jedem, der kein Auto hat, grundsätzlich annehmen, dass er ein Penner sein muss.
(…)
Frage:
So wie Bono von U2?
Appaz:
Bono verträgt keinen Rotwein, wussten Sie das? Immer wenn die anderen sich über ihn geärgert haben, geben sie ihm ein Glas Rotwein - Bono trinkt einen Schluck und fällt um!
Wussten Sie das?
Frage:
Nein, aber... Was halten Sie denn nun von Bono?
Appaz:
Bevor oder nachdem er behauptet hat, Merkel wäre eigentlich ziemlich in Ordnung und Bush letztlich auch gar nicht so verkehrt?
Frage:
Vielleicht eher vorher...?
Appaz:
"All That You Can't Leave Behind" halte ich für eine der besten Platten, die jemals aufgenommen wurden.
Frage:
Soll das heißen, dass Sie Bono nur als Musiker schätzen?
Appaz:
Soll das heißen, dass Sie sonst keine Fragen mehr haben?
0000019379Frage:
Doch, natürlich, ich dachte nur... Vergessen Sie es einfach. Welche Botschaft soll nach der Lektüre Ihres Romans in den Köpfen der Leser angekommen sein?
Appaz:
(starrt vor sich auf die Tischplatte)
Frage:
Soll ich die Frage nochmal wiederholen?
Appaz:
Wie kann es sein, dass die Generation unserer Eltern, die uns Jahre und Jahrzehnte lang von ihrem für uns dennoch kaum nachvollziehbaren Leid im Zweiten Weltkrieg berichtet haben, dass diese Generation, die doch sonst unablässig damit beschäftigt war, für alles und jeden irgendwelche Verbote aufzustellen, uns niemals verboten hat, Soldat zu werden?
Wie kann es sein, dass Väter, die selber häufig genug als körperliche und seelische Wracks aus dem Krieg zurückgekehrt waren, es unerträglich fanden, wenn ihre Söhne den Kriegsdienst verweigern wollten? Und wie kann es sein, dass heute unsere eigenen Söhne wieder zur Bundeswehr wollen, dass sie die Vorstellung, einem willkürlichen System von Befehl und Gehorsam ausgeliefert und jeder eigenen Verantwortung enthoben zu sein, nicht augenblicklich in Panik versetzt, sondern ihnen im Gegenteil alles andere als unangenehm zu sein scheint? Was ist da wann schiefgelaufen?

Wünschenswerte Ungleichheit bei anhaltendem Einfordern von Gleichheit als Projekt

Herr H. hat jetzt seine erste CD herausgebracht. Sie sei allen empfohlen. Herr H. kann seine Geschichten wunderbar vorlesen. Schöner noch wäre es, man könnte ihm dabei zusehen. Aber vielleicht folgt ja demnächst die DVD zur Lesereise ("Live aus der Aula der Bernd-Rosemeyer-Oberschule in Mörfelden" ... erstaunlich übrigens: wenn man zwecks Überprüfung der Schreibung des Namens auf Wikipedia stößt, erfährt man dort, dass R. † 28. Januar 1938 auf der Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt bei Mörfelden ... und Reichsautobahn ist verlinkt auf BAB5 - nicht dass einer auf der Suche nach dem Kreuz Reichsautobahn in sein Navigationsgerät eingibt ...). Das hat jetzt etwas abgeführt; es war Herr H. zu empfehlen:
haehnel-hoerbuch


Hermann Peter Piwitts neuer Roman "Jahre unter ihnen" sei ebenfalls empfohlen. Piwitt ist ein scharfer Denker und ein begnadeter Schreiber (oder umgekehrt - sehr wahrscheinlich hängt das eng zusammen, wie bei Herrn H.).

Was er schreibt, mag der Klappentext verraten:
25167Als Architekt hat der Bruder ein Leben lang gearbeitet, bevor er "auffällig" wird. Er fälscht Urkunden, überzieht Gerichte mit Klagen, veruntreut Gelder und vertreibt Gerichtsvollzieher mit dem Jagdgewehr. Und weder Banken, Versicherungen, Gläubiger und Behörden noch Richter und Staatsanwälte entnehmen seiner Post die einfache Botschaft, nämlich, dass er längst den Verstand verloren hat. Im Gegenteil, die Regeln, nach denen sie den Fall verwalten, tragen selbst Züge des Wahnsinns. Aus einem halben Dutzend Pappkisten mit Briefschaften rekonstruiert der Erzähler die letzten Lebensjahre des Mannes, der von Kindheit an ein glühender Verehrer Friedrichs des Großen von Preußen gewesen ist und bis zuletzt hofft, etwas Rettendes wie das "Mirakel des Hauses Brandenburg" von 1763 könne auch ihm widerfahren. Der Bruder stirbt an Alzheimer. Seine letzten Klagen gelten dem Staat, dem "kommunistischen" Pfleger, der Forstwirtschaft. In einem fremden Land lebt der Erzähler weiter. Hier ist Arbeit "Mangelware", und in hohem Ansehen steht, wer sie "schafft". Eine Architektin entscheidet sich für ein besseres Leben: als Taxifahrerin. Eine Liebe geht zu Ende und lässt den Erzähler verwüstet zurück. In einem Dorf im Süden freundet er sich mit einer geisteskranken Frau an. Es ist Sommer und Nacht, als auch er das Pferd umarmt. In der einen Welt kommt nur, wer Geld hat, überall hin, aber nicht mehr raus.

... wie er schreibt:
Und wieder rangeklotzt, Jungs. Boden, Arbeit, Kapital: Wer schafft am meisten? Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Gott, Christus und der Heilige Geist. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Immer kommen sie zu dritt. Und man ist allein. (S. 23)

... wie er denkt und schreibt:
Von »Improvement«, »Verbesserung«, sprach und schrieb man Anfang des 19. Jahrhunderts in Großbritannien, als man die Menschen aus den schottischen Highlands vertrieb, weil Schafe dort leben zu lassen eine höhere Rendite versprach. Begriffe wie »Landesvater« und »Untertan« waren von unseren Urgroßeltern umgangssprachlich akzeptiert, wie von unseren Vätern und Großvätern »Erzeugungsschlacht« und »Heldentod«. Die Geschichte ist ein Albtraum, aus dem wir hin und wieder zu erwachen versuchen, soll Joyce einmal gesagt haben. Wenn Journalisten heute Begriffe wie »Reform«, »Arbeitnehmer«, »Arbeitgeber« oder »Flexibilität« ohne Anführungsstriche schreiben: Woher nehmen sie die Gewissheit, nicht gerade mal wieder albzuträumen? Zur Räson derer gebracht, die die Macht haben zu definieren, ist das Zugemutete immer schon. Dass das »Wachstum« wiederkehre und uns von der »Geißel der Arbeitslosigkeit« befreie, wird beschworen als eschatologische Gewissheit. Und schon blickt keiner mehr durch, aber jeder weiß Bescheid. Common Sense ist, dass Boden und Geld arbeiten und Arbeit erst geschaffen werden müsse, so, als brauchten wir sie und nicht »Schuhe, Nudeln, Betten, Wohnungen, Musik und Kartoffeln ... Anzüge und Wurst, Bücher und Brot«. (E. A. Rauter)
Alle Fragen sind falsch gestellt; und die Antworten sehen danach aus.
(Quelle: taz)

piwitt(Wieder-) lesenswert ist auch

... kann man zur Zeit für 0,01 Euro erstehen - Marktwirtschaft bei amazon- neu und gebraucht.








Mal was zu Christian Geissler schreiben.

Erich Fried - Der Präventivschlag

Kein Zweifel mehr: Mein eigener Bruder Kain will mich töten. Ich habe ihn genau gesehen, wie sich sein Gesicht zu einer hasserfüllten Fratze verzog, weil sein Opfer nicht so gnädig angenommen wurde wie meines. Und ich habe die Stimme gehört, die Stimme dessen, dem er und ich Opfer bringen, jeder sein eigenes, wie er Kain wegen seines Zornes zur Rede stellte und ihn vor der Sünde warnte. Dass die Sünde vor seiner Türe ruht und wartet und Verlangen nach ihm trägt. Und was diese Sünde ist, die Kain in sich herumträgt wie meine Schafe ihre ungeborenen Lämmer, das weiß ich ganz genau.

Lange genug leide ich schon Angst. Ich habe keine Hoffnung, seinen hinterlistigen Angriff abwehren zu können. Ich weiß, Kain ist stärker als ich; er ist nicht nur der Ältere, ich war immer schon schwächer, sondern auch das Umgraben seines Ackers stärkt ihm die Arme und den ganzen Körper weit mehr als mir das Aufziehen und Hüten der Schafe, das meine Arbeit ist. Außerdem hat er seine gefährlichen Geräte, den Spaten und seinen Pfahl mit der scharfen, im Feuer gehärteten Spitze. Und überhaupt, der, der den anderen unversehens überfällt, ist immer im Vorteil. Und doch ist er, dem wir unsere Opfer bringen, ich die Erstlinge meiner Herden, er seine Ähren und Früchte und sein Grünzeug, nur mir zugeneigt, nicht ihm. Das zeigt schon der Rauch unserer Opfer: Mein Opferrauch stieg, wie immer, geradeaus zum Himmel auf, der seine aber kroch wieder schwer und mit üblem Unkrautfeuergeruch am Boden hin und wollte sich nicht heben. Ich glaube, der Wille, der über uns ist, kann nicht wollen, dass dieser Erdbodenzerhacker auch mich mit seinen staubigen, kotverkrusteten Werkzeugen trifft und zerhackt, als Dünger für sein umgegrabenes Feld, auf dem er vielleicht schon den Boden locker gemacht hat für mein Grab.

Nein, so darf es nicht sein. Ich selbst muss den Vorteil wahrnehmen! Nicht er soll mich, sondern ich will ihn überraschen. Und weiß er Spaten und Pfahl zu handhaben, so habe ich doch mein Steinbeil, mit dem ich meine Herde vor den reißenden Tieren schütze. Er, der mein Opfer gnädig angenommen und das seine verschmäht hat, weiß es: Mein Bruder Kain ist nicht mehr besser als das reißende Raubzeug, das meinen Lämmern und Schafen nach dem Leben trachtet. Ärger noch, denn er hat es nicht auf ein Tier abgesehen, nein, auf mich, seinen eigenen Bruder. Aber er soll sich getäuscht haben!

Da kommt er. Ja, ja; sein Gruß kann mich nicht betrügen. Damit will er mich nur in Sicherheit wiegen, aber die Zeiten sind vorbei. Er soll mir vom Leibe bleiben. Da: Auch das ist ein Anzeichen. Nie noch in letzter Zeit hat er meinen Blick lange ertragen. Und auch jetzt wendet er wieder den Kopf ab und sieht nicht mich an, seinen Bruder, sondern er blickt zurück auf seinen elenden Altar, von dem die Rauchschlange immer noch hinunterkriecht, zu Boden, dunkel und schwer. Jetzt muss es sein! Jetzt, solange er nichts als den unerlösten Rauch sieht....

Wie schnell das gegangen ist; als ob ich es gar nicht getan hätte. Als ob es gar nicht wahr wäre. Aber es ist wahr: Da liegt er vor mir, auf dem Boden. Aus. Er wird keine Mordpläne mehr gegen mich hecken. Er wird nicht den Spaten hinterrücks gegen mich heben, und auch nicht den spitzen Pfahl. Sein Blut ist es, nicht das meine, das jetzt hier die Vertiefung im Stein füllt, fast wie drüben das Wasser den Tümpel dort, am Weg, auf dem meine Tiere zu Tränke gehen. Der Wille dessen, der mein Opfer angenommen und das seine verworfen hat, ist geschehen! Seine Stimme war es, die für mich und gegen ihn entschieden hat...

Ja, sein Stimme. Ich höre sie. Sie spricht laut und vernehmlich. Aber was ruft sie? „Kain", ruft sie, „Kain, wo ist dein Bruder Abel?" Hier bin ich, Herr, hier! Hab keine Angst mehr um mich: Hier stehe ich, Abel, dessen Opfer du gnädig angenommen hast. Und Kain, den du verworfen hast, liegt dort hinter mir. Seine eigene Sünde hat sich gegen ihn gekehrt. Ich habe sein Gesicht mit welkem Laub zugedeckt, dass seine starren Augen nicht den Himmel beleidigen. Nein, Herr, du irrst. Ich bin nicht Kain! Abel ist nicht mein Bruder, das bin ich selbst. Wieso fragst du mich, wo mein Bruder Abel ist? Du irrst dich! Da: Ich zeige ihn dir, meinen Bruder. Da liegt er. Ja, gewiss, das ist Kain, wer sonst? Warte: ich nehme das Laub von seinem Gesicht, dass du es selbt...

Das kann doch nicht sein? Nie im Leben hat er mir so ähnlich gesehen. Fast als ... oder bilde ich mir das nur ein? Aber ich kenne doch mein Gesicht. Da drüben im Tümpel, der alles spiegelt, sehe ich es tagtäglich. Und jetzt soll er wie ich aussehen? Nein, das kann nicht sein. Das kommt mir nur so vor, weil er tot ist. Ich sehe anders aus als er. Ich weiß, ich gehe zu Tümpel: Ich will mein eigenes Gesicht wieder sehen. Jetzt weiß ich, warum er sich irrt und mich Kain ruft.

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