Archäologie (CCCXXXX) : Trainspotting - Der entleert-gerichtete Blick des Direktionsfotografen. Oder: Ukraine revisited
Es finden sich viele Photographien von Walter Hollnagel im Netz; - immer geht es um Eisenbahnen, was nicht verwundert, weil er ein deutscher Fotograf im Dienste der Deutschen Reichsbahn war:
Nur auf wenigen der u. a. im Bildarchiv der Eisenbahnstiftung dokumentierten Photographien sind Zeitbezüge erkennbar, - und wenn, dann geraten die den Kommentatoren des Archivs zum zeitgenössischen Schmuck oder gar Festgewand:

Zeitgenössischer Schmuck anlässlich des Staatsbesuchs des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horty am Hamburger Hauptbahnhof. (24.08.1938)

Der Bahnhof Hamburg-Dammtor im zeitgenössischen Festgewand anlässlich des Staatsbesuchs des ungarischen Reichsverwesers und Regenten Miklós Horty. (vgl. auch Berlin 1936 in Farbe)
... Die Abordnung als Bildberichter ins Reichsverkehrsministerium stellt eine bemerkenswerte Etappe in Hollnagels beruflichen Werdegang dar. Er gehörte damit zu dem kleinen Kreis der Direktionsfotografen, die den Kriegsalltag des Eisenbahnbetriebs auch im besetzten Ausland dokumentierten. Wie alle Berichterstatter hatte er eine klare Order: Für Propagandazwecke sollte der Auslandseinsatz der Reichsbahn ausschließlich positiv dargestellt werden, die Schattenseiten des Krieges waren auszublenden. In Hollnagels Nachlass finden sich keine Aufnahmen von Lazarettzügen, Verwundeten oder Toten, vielmehr konzentrierte er sich, neben seinem offiziellen Auftrag, auf Motive, die sich mit Land und Leuten beschäftigten..., weiß Wikipedia und so sehen die Photos denn auch aus.
Anders als beim entleerten Blick hinter der Kamera vor den Grubenrändern bei Massenerschießungen oder von nackten Frauen, die eine »Straße« im Lager Auschwitz hinuntergehetzt werden, oder beim entleert-gerichteten Blick hinter der Kamera im Ghettofilm, stellt sich hier die Frage, wie einer fast alles ausblenden kann und nur Eisenbahnen photographiert, - freilich nicht verhindern kann, dass ab und an Opfer oder Zerstörungen ins Bild kommen. Opfer und Zerstörungen werden erst dann wieder in den Blick genommen, wenn sie eigene sind. Das kann man dann wohl auch einen entleert-gerichteten Blick nennen:

Bis zur Weiterfahrt des Nachschubtransports vertreiben sich diese Eisenbahner beim Karten kloppen die Zeit. Der Einsatz an der Ostfront bedeutete auch, sich in Müßigang zu üben, waren doch die über weite Entfernungen führenden Zugfahrten allzu häufig mit endlos langen Wartezeiten in Unterwegs- und Kreuzungsbahnhöfen verbunden. Er brauchte oft Tage, bis die Züge an ihr Ziel gelangten. (1943)
Sommer in der Ukraine

Eine pr. P 8 befördert zusammen mit einer pr. G 8.1 einen Sonderzug, besteht aus einem Speisewagen aus der Serie WR 901 ff (ex Nummernreihe 2000 bis 2400 der CIWL) durch den russischen Sommer bei Nikolajew (Ukraine). (08.1943)

Die in der südlichen Ukraine gelegene Stadt Kriwoj Rog war Zentrum des ukrainischen Eisenerzbergbaus. Vor der fotogenen Kulisse eines Regensbogens holt 55 2609 einen gemischten Güterzug im Bahnhof Kriwoj Rog ab. (07.1943)

Neben Eisenerz aus Kriwoj Rog und Maganerz aus Nikopol gehörte die Kohle aus dem Donezbecken zu den begehrten Bodenschätzen der Ukraine, deren Ausbeutung nach der deutschen Besetzung vorrangig betrieben wurde, denn Kohle war der alles entscheidende Energieträger. Ob zur Versorgung der Truppen, der Eisenbahn, der Kraftwerke oder anderweitiger Bedarfsträger - ohne Kohle hätte man die Kriegsmaschinerie in diesem Ausmaß nicht in Gang halten können. (1943)
Dumm gelaufen

Im Brückenbaubüro der RVD Dnjepropetrowsk schaut ein blau uniformierter Reichsbahner der am Zeichenbrett stehenden Ukrainerin über die Schulter. (1943)

Einweihung der Dnjeprbrücke bei Saporoshje unter Teilnahme allerlei Naziprominenz. Die Freude über die neue Brücke hielt jedoch nur wenige Monate, da sie bereits im Herbst 1943 angesichts der vorrückenden russischen Front von den Deutschen wieder gesprengt wurde. (07.1943)

Blick auf den völlig zerstörten Bahnhof Charkow. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt ein sehr wichtiges strategisches Ziel, und zwar nicht nur wegen seiner zentralen Verkehrsanbindungen, sondern auch wegen der dort vorhandenen Rüstungsindustrie. Dort wurden z.B. die Panzer T-34 erfunden, entwickelt und produziert. Im Oktober 1941 wurde die viertgrößte Stadt der Sowjetunion von deutschen Truppen erobert, im Mai 1942 scheiterte ein sowjetischer Rückeroberungsversuch (Schlacht bei Charkow). Die Rückeroberung gelang erst im Februar 1943, doch schon im März 1943 fiel die Stadt nach schweren Gefechten wieder an die Deutschen. Dabei wurden große Teile der Stadt durch die Kämpfe zerstört. Erst nach der Schlacht bei Kursk wurde die Stadt am 23. August 1943 endgültig von der Roten Armee zurückerobert

Nach der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad Anfang 1943 drohte der gesamten südlichen deutschen Ostfront der Zusammenbruch. Dabei gelang es der Roten Armee auch, Charkow im Februar 1943 vorübergehend zu befreien. Im März wurde die Stadt durch die Deutsche Wehrmacht zurückzuerobert. Walter Hollnagel nutze die kurze Zwischenzeit bis zur endgültigen Einnahme durch die Rote Armee am 23. August 1943, um dieses Bild des völlig zerstörten Charkower Hauptbahnhofs zu machen, von dem nur noch die Außenfassade übrig ist. Immerhin macht der Platz vor dem Bahnhof einen aufgeräumten Eindruck und man hat es geschafft, ein neues Schild am Bahnhof festzumachen. (05.1943)
Das ist prima, dass die Wehrmacht auch nach Stalingrad dafür sorgt, dass der Bahnhofsvorplatz aufgeräumt wird und dass noch neue Schilder angebracht werden; - dann kann man sich auch besser zurechtfinden und weiter deportieren:

Im Bahnhof Dolinskaja treffen sich ukrainische Zwangsarbeiter, die unter militärischer Bewachung in gedeckten Güterwagen die lange Reise nach Deutschland antreten müssen. Innerhalb der Sowjetunion stellte die Ukraine den größten Anteil von Zwangsarbeitern. (08.1943)
Das war doch nochmal erwähnenswert, oder?! Und i. Ü. brilliant formuliert: ... treffen sich ukrainische Zwangsarbeiter ... : vermutlich haben die sich bei facebook in der Gruppe Wir wollen in die EU und Zwangsarbeiter in Deutschland werden verabredet ...
Es braucht nicht den unsäglichen Begleittext des Archivs um zu bemerken, dass des Photographen entleert-gerichteter Blick etwas photographiert, aber nichts sieht.
Die kursiv gesetzten Kommentare zu den Fotos sind Originaltexte des Bildarchivs der Eisenbahnstiftung.
Quellen:
- Bildarchiv der Eisenbahnstiftung. Gesucht nach: Walter Hollnagel
+ Photos of Railways in Hamburg, 1959 taken German photographer Walter Hollnagel - vintage everyday
+ Ukrainian Railways in 1943 Through a German's Camera - vintage everyday
+ Украинские железные дороги 1943 г. глазами немцев
Nur auf wenigen der u. a. im Bildarchiv der Eisenbahnstiftung dokumentierten Photographien sind Zeitbezüge erkennbar, - und wenn, dann geraten die den Kommentatoren des Archivs zum zeitgenössischen Schmuck oder gar Festgewand:

Zeitgenössischer Schmuck anlässlich des Staatsbesuchs des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horty am Hamburger Hauptbahnhof. (24.08.1938)

Der Bahnhof Hamburg-Dammtor im zeitgenössischen Festgewand anlässlich des Staatsbesuchs des ungarischen Reichsverwesers und Regenten Miklós Horty. (vgl. auch Berlin 1936 in Farbe)
... Die Abordnung als Bildberichter ins Reichsverkehrsministerium stellt eine bemerkenswerte Etappe in Hollnagels beruflichen Werdegang dar. Er gehörte damit zu dem kleinen Kreis der Direktionsfotografen, die den Kriegsalltag des Eisenbahnbetriebs auch im besetzten Ausland dokumentierten. Wie alle Berichterstatter hatte er eine klare Order: Für Propagandazwecke sollte der Auslandseinsatz der Reichsbahn ausschließlich positiv dargestellt werden, die Schattenseiten des Krieges waren auszublenden. In Hollnagels Nachlass finden sich keine Aufnahmen von Lazarettzügen, Verwundeten oder Toten, vielmehr konzentrierte er sich, neben seinem offiziellen Auftrag, auf Motive, die sich mit Land und Leuten beschäftigten..., weiß Wikipedia und so sehen die Photos denn auch aus.
Anders als beim entleerten Blick hinter der Kamera vor den Grubenrändern bei Massenerschießungen oder von nackten Frauen, die eine »Straße« im Lager Auschwitz hinuntergehetzt werden, oder beim entleert-gerichteten Blick hinter der Kamera im Ghettofilm, stellt sich hier die Frage, wie einer fast alles ausblenden kann und nur Eisenbahnen photographiert, - freilich nicht verhindern kann, dass ab und an Opfer oder Zerstörungen ins Bild kommen. Opfer und Zerstörungen werden erst dann wieder in den Blick genommen, wenn sie eigene sind. Das kann man dann wohl auch einen entleert-gerichteten Blick nennen:

Bis zur Weiterfahrt des Nachschubtransports vertreiben sich diese Eisenbahner beim Karten kloppen die Zeit. Der Einsatz an der Ostfront bedeutete auch, sich in Müßigang zu üben, waren doch die über weite Entfernungen führenden Zugfahrten allzu häufig mit endlos langen Wartezeiten in Unterwegs- und Kreuzungsbahnhöfen verbunden. Er brauchte oft Tage, bis die Züge an ihr Ziel gelangten. (1943)
Sommer in der Ukraine

Eine pr. P 8 befördert zusammen mit einer pr. G 8.1 einen Sonderzug, besteht aus einem Speisewagen aus der Serie WR 901 ff (ex Nummernreihe 2000 bis 2400 der CIWL) durch den russischen Sommer bei Nikolajew (Ukraine). (08.1943)

Die in der südlichen Ukraine gelegene Stadt Kriwoj Rog war Zentrum des ukrainischen Eisenerzbergbaus. Vor der fotogenen Kulisse eines Regensbogens holt 55 2609 einen gemischten Güterzug im Bahnhof Kriwoj Rog ab. (07.1943)

Neben Eisenerz aus Kriwoj Rog und Maganerz aus Nikopol gehörte die Kohle aus dem Donezbecken zu den begehrten Bodenschätzen der Ukraine, deren Ausbeutung nach der deutschen Besetzung vorrangig betrieben wurde, denn Kohle war der alles entscheidende Energieträger. Ob zur Versorgung der Truppen, der Eisenbahn, der Kraftwerke oder anderweitiger Bedarfsträger - ohne Kohle hätte man die Kriegsmaschinerie in diesem Ausmaß nicht in Gang halten können. (1943)
Dumm gelaufen

Im Brückenbaubüro der RVD Dnjepropetrowsk schaut ein blau uniformierter Reichsbahner der am Zeichenbrett stehenden Ukrainerin über die Schulter. (1943)

Einweihung der Dnjeprbrücke bei Saporoshje unter Teilnahme allerlei Naziprominenz. Die Freude über die neue Brücke hielt jedoch nur wenige Monate, da sie bereits im Herbst 1943 angesichts der vorrückenden russischen Front von den Deutschen wieder gesprengt wurde. (07.1943)

Blick auf den völlig zerstörten Bahnhof Charkow. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt ein sehr wichtiges strategisches Ziel, und zwar nicht nur wegen seiner zentralen Verkehrsanbindungen, sondern auch wegen der dort vorhandenen Rüstungsindustrie. Dort wurden z.B. die Panzer T-34 erfunden, entwickelt und produziert. Im Oktober 1941 wurde die viertgrößte Stadt der Sowjetunion von deutschen Truppen erobert, im Mai 1942 scheiterte ein sowjetischer Rückeroberungsversuch (Schlacht bei Charkow). Die Rückeroberung gelang erst im Februar 1943, doch schon im März 1943 fiel die Stadt nach schweren Gefechten wieder an die Deutschen. Dabei wurden große Teile der Stadt durch die Kämpfe zerstört. Erst nach der Schlacht bei Kursk wurde die Stadt am 23. August 1943 endgültig von der Roten Armee zurückerobert

Nach der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad Anfang 1943 drohte der gesamten südlichen deutschen Ostfront der Zusammenbruch. Dabei gelang es der Roten Armee auch, Charkow im Februar 1943 vorübergehend zu befreien. Im März wurde die Stadt durch die Deutsche Wehrmacht zurückzuerobert. Walter Hollnagel nutze die kurze Zwischenzeit bis zur endgültigen Einnahme durch die Rote Armee am 23. August 1943, um dieses Bild des völlig zerstörten Charkower Hauptbahnhofs zu machen, von dem nur noch die Außenfassade übrig ist. Immerhin macht der Platz vor dem Bahnhof einen aufgeräumten Eindruck und man hat es geschafft, ein neues Schild am Bahnhof festzumachen. (05.1943)
Das ist prima, dass die Wehrmacht auch nach Stalingrad dafür sorgt, dass der Bahnhofsvorplatz aufgeräumt wird und dass noch neue Schilder angebracht werden; - dann kann man sich auch besser zurechtfinden und weiter deportieren:

Im Bahnhof Dolinskaja treffen sich ukrainische Zwangsarbeiter, die unter militärischer Bewachung in gedeckten Güterwagen die lange Reise nach Deutschland antreten müssen. Innerhalb der Sowjetunion stellte die Ukraine den größten Anteil von Zwangsarbeitern. (08.1943)
Das war doch nochmal erwähnenswert, oder?! Und i. Ü. brilliant formuliert: ... treffen sich ukrainische Zwangsarbeiter ... : vermutlich haben die sich bei facebook in der Gruppe Wir wollen in die EU und Zwangsarbeiter in Deutschland werden verabredet ...
Es braucht nicht den unsäglichen Begleittext des Archivs um zu bemerken, dass des Photographen entleert-gerichteter Blick etwas photographiert, aber nichts sieht.
Die kursiv gesetzten Kommentare zu den Fotos sind Originaltexte des Bildarchivs der Eisenbahnstiftung.
Quellen:
- Bildarchiv der Eisenbahnstiftung. Gesucht nach: Walter Hollnagel
+ Photos of Railways in Hamburg, 1959 taken German photographer Walter Hollnagel - vintage everyday
+ Ukrainian Railways in 1943 Through a German's Camera - vintage everyday
+ Украинские железные дороги 1943 г. глазами немцев
gebattmer - 2014/08/18 18:21
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