Grauenhaftes Spiel der Religionen: Badass Jihadis in White and Black - Zum 100. Todestag des Dichters Georg Trakl (feat. Arthur Rimbaud, Paul Celan und Leo Ferré)

Georg Trakl
Die tote Kirche
Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiß und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche – ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber -
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf – indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser –
Herr!

Zu Georg Trakls Gedicht „Die tote Kirche“
Von Thomas Anz
1909 schrieb Georg Trakl das Gedicht „Die tote Kirche“, doch zu Lebzeiten des vor 100 Jahren gestorbenen Dichters ist es nie erschienen. Lyrikanthologien haben es bis heute gemieden, Interpreten ignoriert. Gehört es zu den Gedichten, die Georg Trakl missglückt sind? Gewiss nicht. Es spricht von Gesang, vom Klang der Glocke oder vom Rauschen der Orgel, und es ist wie alle Gedichte Trakls selbst durch und durch Musik. Die rhythmische Wiederholung und Variation gleicher Laute, Wörter, Bilder und Motive, deren Sinn oft vage bleibt, rufen Stimmungen und Emotionen hervor, die einige Verse ausdrücklich benennen: innere Lähmung, Wut, Trauer, Verzweiflung und Angst...
Trakls Blick auf jämmerliche Spieler mit religiösen Ritualen scheint allerdings in der Übertragung auf ein Phänomen des Missbrauchs, das sich gegenwärtig in ganz unterschiedlichen religiösen Kulturen wieder häuft, Aktualität zu behalten... Wo sich hier sogar Gewalt mit Zeichen der Religiosität umgibt, wie es Trakl selbst in den Monaten vor seinem Tod in zahllosen Kriegsgedichten und nicht nur dort wahrnehmen konnte und wie es uns heute an vielen anderen Kriegsschauplätzen neu vorgeführt wird, ist man versucht, ihn mit dem Schreckensruf zu zitieren: „Erbarme dich unser“.
... der doch nicht seiner ist! Die Stimme, die da schluchzt auf und die wie aller Stimmen klang, ist doch die eines der schlechten Beter mit den erstarrten Herzen, dem erloschnen Blick und dem toten Herzen, die da -mit dem blutend Schmerzensantlitz - gemeinsam ins Leere starren. Wo bzw. wer also sollte das "Du" sein, das im „Erbarme dich unser“ angeschluchzt wird?
Im Übrigen wäre zu fragen, wo der Missbrauch sein soll, wenn das, was da angeblich missbraucht wird - also die Religion - selbst der Missbrauch des Menschen ist. Und sei es nur, weil sie ihn klein macht:

Badass Jihadis in White and Black
Und alle, geifernd ihren dummen Glauben, schicken
Zu Jesus bettelnd hin ihr ewiges Klagelied,
Ihm, fern den schlechten Magren und den bösen Dicken,
Den, gelb vom fahlen Fenster, hoch man träumen sieht.
Fern ihm die Fleisch und Kleiderschimmeldünste ziehen,
Kraftlose, dunkle, widerliche Spottgeburt;
Doch von gewählten Worten die Gebete blühen,
Und heiße Melodie in den Mysterien surrt.
Rimbaud ist da uneindeutig-eindeutiger, wiewohl die deutsche Übersetzung nur eine Ahnung vermitteln kann:
Les pauvres à l'église (1870) - Arthur Rimbaud
Parqués entre des bancs de chêne, aux coins d'église
Qu'attiédit puamment leur souffle, tous leurs yeux
Vers le choeur ruisselant d'orrie et la maîtrise
Aux vingt gueules gueulant les cantiques pieux ;
Comme un parfum de pain humant l'odeur de cire,
Heureux, humiliés comme des chiens battus,
Les Pauvres au bon Dieu, les patrons et le sire,
Tendent leurs oremus risibles et têtus.
Aux femmes, c'est bien bon de faire des bancs lisses,
Après les six jours noirs où Dieu les fait souffrir !
Elles bercent, tordus dans d'étranges pelisses,
Des espèces d'enfants qui pleurent à mourir.
Leurs seins crasseux dehors, ces mangeuses de soupe,
Une prière aux yeux et ne priant jamais,
Regardent parader mauvaisement un groupe
De gamines avec leurs chapeaux déformés.
Dehors, le froid, la faim, l'homme en ribote :
C'est bon. Encore une heure ; après, les maux sans noms !
- Cependant, alentour, geint, nasille, chuchote
Une collection de vieilles à fanons :
Ces effarés y sont et ces épileptiques
Dont on se détournait hier aux carrefours ;
Et, fringalant du nez dans des missels antiques,
Ces aveugles qu'un chien introduit dans les cours.
Et tous, bavant la foi mendiante et stupide,
Récitent la complainte infinie à Jésus
Qui rêve en haut, jauni par le vitrail livide,
Loin des maigres mauvais et des méchants pansus,
Loin des senteurs de viande et d'étoffes moisies,
Farce prostrée et sombre aux gestes repoussants ;
- Et l'oraison fleurit d'expressions choisies,
Et les mysticités prennent des tons pressants,
Quand, des nefs où périt le soleil, plis de soie
Banals, sourires verts, les Dames des quartiers
Distingués, - ô Jésus ! - les malades du foie
Font baiser leur longs doigts jaunes aux bénitiers.
Wahrheit ist Schmerz. Das trunkene Schiff
Arthur Rimbaud: Das trunkene Schiff - Übersetzt von Paul Celan
Faszinierend auch: Rimbaud: Le bateau ivre - Gerard Philipe
Wahrheit ist Schmerz
Zum 100. Todestag des Dichters Georg Trakl - Gunnar Decker, ND 03.11.2014
... angeregt durch Hartmut Finkeldeys Beitrag zu Anz' Interpreatation: bei Kritik und Kunst.
Siehe auch
- Das Kreuz mit der Burka
- Babylon by Bus: I Giardini Pensili Hanno Fatto Il Loro Tempo - Semiramis und die Hure Babylon. Von der Notwendigkeit, sich aus der Glocke der apokalytischen Bilder zu befreien
gebattmer - 2014/11/05 19:27
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