Verstehen lehren - Bildungsanstalt oder Zuchthaus
Eine Empfehlung (mittels einer sehr treffenden Rezension Im Freitag):
... Kurz und prägnant wird das Reformgewitter analysiert. Es ging nicht mehr um "Strukturfragen", sondern um die Verbesserung der schulischen Ergebnisse, um Output-Steuerung - zur Freude nicht nur der Bildungsökonomen genannten Betriebswirtwschaftler. Die "Effizienz" kam auf den "Prüfstand". Und man stellte fest: Die "Qualitätsstandards" wurden nicht erreicht - bei weitem nicht. Also hat man an allen Problemstellen "Baustellen" aufgemacht. Der ideelle Reichtum der ministeriellen Ratgeber schien grenzenlos zu sein, schreibt Gruschka, Er konstatiert eine "entfremdete Getriebenheit" bis heute. Der Reformdiskurs, manchmal zaghaft kritisiert, ist bis heute ungebrochen, ein technokratischer Reformdiskurs, der mit Plastikwörtern und Leerformeln ausgefüllt.
Das Ergebnis kann nur kontraproduktiv sein. Schule ist eine Bildungsanstalt - oder ein Zuchthaus. Eine bittere Feststellung. Inhalte werden entsorgt, die Schüler werden - um die Sinnhaftigkeit des Bildungserwerbs betrogen - nur noch gedrillt. Sie werden - möchte ich ergänzen - zu Kompetenzträgern portfoliorisiert. Sie werden Objekte der hegemonialen Didaktisierung, die nur noch vereinfacht, schematisiert, aktualisiert, analogisiert und präsentiert.
Doch schafft diese schöne neue Welt der Erziehung (wie soll es bei Zauberlehrlingen anders sein?) neue Probleme: Es gilt bei inhaltlicher Leere die Arbeitsdisziplin aufrechtzuerhalten. Gruschka analysiert luzide die warenästhetisch produzierten Leitbilder ("Menschen achten, Verantwortung für sich und andere übernehmen, Leistung ermöglichen" u.ä.), Rituale, die wie ein verhaltenstherapeutisch sozialtechnisches Setting wirken, Verträge (wie abgeschrieben von Hausordnungen in Mietshäusern) und die allseits beliebte Streitschlichtung. Besonders verbreitet (fast ausnahmlos sogar) und trotz Kritik wohl unabschaffbar ist das Methodentraining. Sarkastisch charakterisiert Gruschka die beliebten methodischen Rezepte eines Heinz Klippert, der buchstäblich "Schule macht". In den Hochschulen, schreibt Gruschka, ist er mittlerweile angekommen - der Arbeitstyp des Unterstreichers...
Es geht um das "Verstehen lernen", ja richtig: Verstehen. Denn das mechanische Einüben ist in der Schule nur ein Ausnahmefall. Verstehen kann aber nur an den Inhalten ansetzen. Die Methode wird nur gewählt, wenn sie den Inhalt aufschließt. Erziehen "speist sich", so Gruschka ebenso links wie konservativ, aus der humboldtschen "Hingabe an die Sache" - durch Neugier und Streben nach Sinn. Kognitive Dissonanz im Unterricht produziert Anstrengung auf Seiten des Schülers. Es braucht Unzufriedenheit mit dem Zufriedensein mit dem Ungefähren dem Rückzug auf die eigene Meinung, dem vermeintlich fehlenden eigenen Talent. Gruschka beschreibt im weitgehenden Sinne das, was man problemorientierten Unterricht nennen könnte. Er meint allerdings keine Scheinprobleme...
Der Freitag, 20.06.2011
Mal reinschauen:

Gruschka, Andreas: Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht
190 S. - ISBN: 978-3-15-018840-8, 5,00 €
Eine Fundgrube zur vertiefenden Auseinandersetzung mit "Unterricht" : Gruschkas ApaeK
Über die (lesenswerten) Kommentare zu der Rezension im Freitag bin ich auf des Kollegen Chryselers Blog "Ach, was soll ich sagen..." gestoßen, wo sich Interessantes über Lehrerbildung findet. Auch Herr Rau, den ich lange nicht in seinem Lehrerzimmer besucht hatte, macht sich Gedanken über die Qualität der Lehrerbildung.
Und in wie immer in diesem Zusammenhang der obligatorische Hinweis auf Holzkamp: Lehren als Lernbehinderung

Das Ergebnis kann nur kontraproduktiv sein. Schule ist eine Bildungsanstalt - oder ein Zuchthaus. Eine bittere Feststellung. Inhalte werden entsorgt, die Schüler werden - um die Sinnhaftigkeit des Bildungserwerbs betrogen - nur noch gedrillt. Sie werden - möchte ich ergänzen - zu Kompetenzträgern portfoliorisiert. Sie werden Objekte der hegemonialen Didaktisierung, die nur noch vereinfacht, schematisiert, aktualisiert, analogisiert und präsentiert.
Doch schafft diese schöne neue Welt der Erziehung (wie soll es bei Zauberlehrlingen anders sein?) neue Probleme: Es gilt bei inhaltlicher Leere die Arbeitsdisziplin aufrechtzuerhalten. Gruschka analysiert luzide die warenästhetisch produzierten Leitbilder ("Menschen achten, Verantwortung für sich und andere übernehmen, Leistung ermöglichen" u.ä.), Rituale, die wie ein verhaltenstherapeutisch sozialtechnisches Setting wirken, Verträge (wie abgeschrieben von Hausordnungen in Mietshäusern) und die allseits beliebte Streitschlichtung. Besonders verbreitet (fast ausnahmlos sogar) und trotz Kritik wohl unabschaffbar ist das Methodentraining. Sarkastisch charakterisiert Gruschka die beliebten methodischen Rezepte eines Heinz Klippert, der buchstäblich "Schule macht". In den Hochschulen, schreibt Gruschka, ist er mittlerweile angekommen - der Arbeitstyp des Unterstreichers...
Es geht um das "Verstehen lernen", ja richtig: Verstehen. Denn das mechanische Einüben ist in der Schule nur ein Ausnahmefall. Verstehen kann aber nur an den Inhalten ansetzen. Die Methode wird nur gewählt, wenn sie den Inhalt aufschließt. Erziehen "speist sich", so Gruschka ebenso links wie konservativ, aus der humboldtschen "Hingabe an die Sache" - durch Neugier und Streben nach Sinn. Kognitive Dissonanz im Unterricht produziert Anstrengung auf Seiten des Schülers. Es braucht Unzufriedenheit mit dem Zufriedensein mit dem Ungefähren dem Rückzug auf die eigene Meinung, dem vermeintlich fehlenden eigenen Talent. Gruschka beschreibt im weitgehenden Sinne das, was man problemorientierten Unterricht nennen könnte. Er meint allerdings keine Scheinprobleme...
Der Freitag, 20.06.2011
Mal reinschauen:

Gruschka, Andreas: Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht
190 S. - ISBN: 978-3-15-018840-8, 5,00 €
Eine Fundgrube zur vertiefenden Auseinandersetzung mit "Unterricht" : Gruschkas ApaeK
Über die (lesenswerten) Kommentare zu der Rezension im Freitag bin ich auf des Kollegen Chryselers Blog "Ach, was soll ich sagen..." gestoßen, wo sich Interessantes über Lehrerbildung findet. Auch Herr Rau, den ich lange nicht in seinem Lehrerzimmer besucht hatte, macht sich Gedanken über die Qualität der Lehrerbildung.
Und in wie immer in diesem Zusammenhang der obligatorische Hinweis auf Holzkamp: Lehren als Lernbehinderung
gebattmer - 2011/07/12 15:15
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