Erkenntnisproblem III
Der Körper als Speicher
Interview mit Klaus Theweleit über Hirnforschung, das Unbewusste und die Realität bei tp:
...
Ich weiß gar nicht, was Realität sein soll
Die Analyse von Hirn- und Denkstrukturen hat Sie aber noch auf eine andere Fährte gestoßen. Nicht nur in unserem Gehirn finden Transformationsprozesse statt, sondern Sie sagen, es gibt durch neue Eindrücke und Bilder auch eine körperliche Veränderung. Was meinen Sie damit?
Klaus Theweleit: Wenn ich jemanden wie Robert Jourdain zitieren darf, einen Gehirnforscher und Musikwissenschaftler, der viel über das Speichersystem geschrieben hat, nicht nur im Gehirn, sondern auch im Kortex und im Limbischen System und eben auch im Körper. Er sagt dass mit jeder Aufnahme von Tönen auch ein körperlicher Reflex einhergeht. Das trifft sich mit einer Vermutung oder Beobachtung von mir, wenn ich sage, der Körper speichert. Ich habe das bei meinen eigenen Texten gesehen, den Texten über den soldatischen Mann oder über Literaten oder Schriftsteller. Dort hat sich bei mir der Eindruck gestärkt, hier drückt sich auch eine ganz bestimmte Körperlichkeit aus. In meinem Buch Männerphantasien habe ich gezeigt, dass dieses ganze faschistische Denk- und Handlungssystem nicht primär aus einer Denksystematik kommt, sondern aus körperlichen Reflexen oder körperlichen Zwängen muss man sogar sagen.
Diese ganze faschistische Art und Weise, sich gegenüber der Welt zu verhalten, also Realität zu produzieren, das ist nicht Ausdruck einer Ideologie, die man die "faschistische" nennen kann, der man gewissermaßen beitritt, sondern das basiert auf körperlichen Zwängen. Ich habe die körperliche Zurichtung dieser Leute beschrieben, also Drill, Prügel und Strafen, und gezeigt, welche Sorte Ängste daraus entstehen, welche Sorte Besetzungen des eigenen Körpers, welche Möglichkeiten von Liebe und Nichtliebe, welche Zwänge zum Hass und Töten.
Und wenn das durch körperliche Zwänge ausgedrückt wird, dann muss es ja irgendwie in den Körper hineingekommen sein, durch die Behandlung, die er erfahren hat. Daraus habe ich dann sozusagen geschlossen, dass der Körper diese Behandlung gespeichert haben muss, die er später ausdrückt. Und genau das finde ich in Büchern von Hirnforschern wieder, die diesen Prozess auch experimentell nachzuweisen versuchen, dass nicht Hirn und Bewusstsein – der sogenannte Geist, der früher immer dem Körper gegenüber gestellt wurde, was mir immer schon sehr suspekt erschien –, sondern dass der Körper selbst diese letzte Speicherinstanz ist, in seinen Organen, im Gewebe, in der Muskulatur, beziehungsweise, was annähernd in dem Wort Psyche oder Seele benannt wird.
Das ist ja auch ein Ort, den man chirurgisch nicht finden kann, da dies aus dem Zusammenspiel zwischen Körper und Geist passiert. Meiner Meinung nach arbeiten Körper und Geist in diesen Prozessen immer zusammen, aber der Körper ist nach wie vor offenbar das Primäre - also sowohl Speichermedium, als auch das, was den Menschen zum Handeln antreibt, zusammen mit dem Unbewussten, den gespeicherten Aufnahmen, also bestimmte Eindrücke, die so stark in der Person sind, dass sie immer weiter wirken.
Dass das so ist und dass diese unbewussten Prozesse unser Handeln mehr bestimmen, als das bewusste Handeln selber, auch das ist eine Bestätigung von Freud, die von den Hirnforschern heute gemacht und unterstrichen wird. Und weil das so ist, und weil das genau die Dinge berührt die ich schon immer "gedacht" oder "gewusst" oder "gespürt" habe und nun diese Belege aus der Hirnforschungsliteratur dazu stoßen, ist das für mich eine unheimlich brauchbare und vor allem fruchtbare Quelle.
Was bedeutet das für den Realitätsbegriff?
Klaus Theweleit: Der herkömmliche Realitätsbegriff existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, was das sein soll....
Bei allem Respekt: Das ist zu billig, Herr Theweleit: müssten wir das nicht aushandeln?: Wenn alle ihre Wahrnehumungen in einem herrschaftsfreien Diskurs verhandeln würden, könnte doch etwas wie ein Begriff von Realität entstehen: Immerhin: Warum nicht? Die Konstruktivisten und die Hirnforscher denken in ihrer Faszination angesichts des neu Gedachten oder Entdeckten immer zu kurz ... (Wie das Weiterdenken zerstört wird, macht das Inteview mit dem Psycholinguisten Gerd Kegel bei tp gut deutlich: Er verweist u. a. auf die sowjetische Psychologie, deren Ergebnisse alles andere als überholt sind.

Das Weiterdenkverbot gilt ja im Übrigen gar nicht nicht für Theweleit, dessen hervorragenden Aufsatz Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell ich unbedingt zur Lektüre empfehle!
Was das Kriegsmodell angeht, so sei noch auf den Freitag verwiesen, wo Elsässer weitere Details verrät, wie die Schröder-Fischer-Connection Deutschland in den ersten Krieg nach 45 führte und dabei Oskar vorführte.
Zur Frage nach Wahrnehmung, Körper und Musik noch dies:
Continuer d'explorer de nouvelles
formes musicales peut être considéré
comme un acte révolutionnaire, car
c'est une manière de montrer qu'il y a
un autre choix que celui de l'argent,
de la futilité, ET de la manipulation
des esprits.
JOHN ZORN
via Un Avis En Passent
Interview mit Klaus Theweleit über Hirnforschung, das Unbewusste und die Realität bei tp:
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Ich weiß gar nicht, was Realität sein soll
Die Analyse von Hirn- und Denkstrukturen hat Sie aber noch auf eine andere Fährte gestoßen. Nicht nur in unserem Gehirn finden Transformationsprozesse statt, sondern Sie sagen, es gibt durch neue Eindrücke und Bilder auch eine körperliche Veränderung. Was meinen Sie damit?
Klaus Theweleit: Wenn ich jemanden wie Robert Jourdain zitieren darf, einen Gehirnforscher und Musikwissenschaftler, der viel über das Speichersystem geschrieben hat, nicht nur im Gehirn, sondern auch im Kortex und im Limbischen System und eben auch im Körper. Er sagt dass mit jeder Aufnahme von Tönen auch ein körperlicher Reflex einhergeht. Das trifft sich mit einer Vermutung oder Beobachtung von mir, wenn ich sage, der Körper speichert. Ich habe das bei meinen eigenen Texten gesehen, den Texten über den soldatischen Mann oder über Literaten oder Schriftsteller. Dort hat sich bei mir der Eindruck gestärkt, hier drückt sich auch eine ganz bestimmte Körperlichkeit aus. In meinem Buch Männerphantasien habe ich gezeigt, dass dieses ganze faschistische Denk- und Handlungssystem nicht primär aus einer Denksystematik kommt, sondern aus körperlichen Reflexen oder körperlichen Zwängen muss man sogar sagen.
Diese ganze faschistische Art und Weise, sich gegenüber der Welt zu verhalten, also Realität zu produzieren, das ist nicht Ausdruck einer Ideologie, die man die "faschistische" nennen kann, der man gewissermaßen beitritt, sondern das basiert auf körperlichen Zwängen. Ich habe die körperliche Zurichtung dieser Leute beschrieben, also Drill, Prügel und Strafen, und gezeigt, welche Sorte Ängste daraus entstehen, welche Sorte Besetzungen des eigenen Körpers, welche Möglichkeiten von Liebe und Nichtliebe, welche Zwänge zum Hass und Töten.
Und wenn das durch körperliche Zwänge ausgedrückt wird, dann muss es ja irgendwie in den Körper hineingekommen sein, durch die Behandlung, die er erfahren hat. Daraus habe ich dann sozusagen geschlossen, dass der Körper diese Behandlung gespeichert haben muss, die er später ausdrückt. Und genau das finde ich in Büchern von Hirnforschern wieder, die diesen Prozess auch experimentell nachzuweisen versuchen, dass nicht Hirn und Bewusstsein – der sogenannte Geist, der früher immer dem Körper gegenüber gestellt wurde, was mir immer schon sehr suspekt erschien –, sondern dass der Körper selbst diese letzte Speicherinstanz ist, in seinen Organen, im Gewebe, in der Muskulatur, beziehungsweise, was annähernd in dem Wort Psyche oder Seele benannt wird.
Das ist ja auch ein Ort, den man chirurgisch nicht finden kann, da dies aus dem Zusammenspiel zwischen Körper und Geist passiert. Meiner Meinung nach arbeiten Körper und Geist in diesen Prozessen immer zusammen, aber der Körper ist nach wie vor offenbar das Primäre - also sowohl Speichermedium, als auch das, was den Menschen zum Handeln antreibt, zusammen mit dem Unbewussten, den gespeicherten Aufnahmen, also bestimmte Eindrücke, die so stark in der Person sind, dass sie immer weiter wirken.
Dass das so ist und dass diese unbewussten Prozesse unser Handeln mehr bestimmen, als das bewusste Handeln selber, auch das ist eine Bestätigung von Freud, die von den Hirnforschern heute gemacht und unterstrichen wird. Und weil das so ist, und weil das genau die Dinge berührt die ich schon immer "gedacht" oder "gewusst" oder "gespürt" habe und nun diese Belege aus der Hirnforschungsliteratur dazu stoßen, ist das für mich eine unheimlich brauchbare und vor allem fruchtbare Quelle.
Was bedeutet das für den Realitätsbegriff?
Klaus Theweleit: Der herkömmliche Realitätsbegriff existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, was das sein soll....
Bei allem Respekt: Das ist zu billig, Herr Theweleit: müssten wir das nicht aushandeln?: Wenn alle ihre Wahrnehumungen in einem herrschaftsfreien Diskurs verhandeln würden, könnte doch etwas wie ein Begriff von Realität entstehen: Immerhin: Warum nicht? Die Konstruktivisten und die Hirnforscher denken in ihrer Faszination angesichts des neu Gedachten oder Entdeckten immer zu kurz ... (Wie das Weiterdenken zerstört wird, macht das Inteview mit dem Psycholinguisten Gerd Kegel bei tp gut deutlich: Er verweist u. a. auf die sowjetische Psychologie, deren Ergebnisse alles andere als überholt sind.

Das Weiterdenkverbot gilt ja im Übrigen gar nicht nicht für Theweleit, dessen hervorragenden Aufsatz Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell ich unbedingt zur Lektüre empfehle!
Was das Kriegsmodell angeht, so sei noch auf den Freitag verwiesen, wo Elsässer weitere Details verrät, wie die Schröder-Fischer-Connection Deutschland in den ersten Krieg nach 45 führte und dabei Oskar vorführte.

Continuer d'explorer de nouvelles
formes musicales peut être considéré
comme un acte révolutionnaire, car
c'est une manière de montrer qu'il y a
un autre choix que celui de l'argent,
de la futilité, ET de la manipulation
des esprits.
JOHN ZORN
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gebattmer - 2007/12/26 23:41
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