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PISA, die Testindustrie und der Leviathan

pisaDarf Pisa-Koordinator Andreas Schleicher seine Daten überhaupt interpretieren? Die Daten der verschiedenen PISA-Erhebungen sind nicht vergleichbar, weil sie auf unterschiedlichen Fragebögen und Auswertungskriterien beruhten, sagt er angesichts der Euphorie über den deutschen 13. Platz im Pisa-Ranking. Vor zwei Jahren haben die CDU-Kultusminister mit genau diesem Argument Schleichers Vorwurf entkräften wollen, die soziale Auslese in deutschen Schulen sei schärfer geworden. Hinter der Empörung der Kultusminister steckt etwas anderes.

Ein Beitrag von Karl-Heinz Heinemann auf den Nachdenkseiten
:

Die OECD als PISA-Veranstalter soll die Daten liefern, aber die
Interpretationshoheit möchten die Kultusminister selbst behalten.
Andreas Schleicher, der personifizierte PISA-Test, erklärt
dagegen, er liefere nur Statistiken und Bildungsindikatoren, jede
politische Einmischung sei ihm fremd. In dieser Auseinandersetzung geht es nicht nur darum, ob denn die Reförmchen der Kultusminister
Wirkung zeigen oder ob, wie Schleicher nahe legt, ein radikalerer Umbau des deutschen Bildungswesens noch aussteht – es geht um die alte und die neue Art der politischen Steuerung.

Pisa steht für die scheinbare Entpolitisierung der
Bildungspolitik: da geht es um objektive und unangreifbare Rankings und um Outputsteuerung. Welches Land, welche Schule, welcher
Unterrichtsmethode hat die höchsten Outcomes? Das wird dann zum
Maßstab. Doch wer legt fest, welche Ergebnisse zählen? Die
OECD als die Veranstalterin von PISA , also eine Organisation zur
Steigerung der Wirtschaftskraft? Die ist nur die letzte Instanz.
Tatsächlich ist PISA ein von großen internationalen
Assessment- und Testing-Firmen betriebenes Unternehmen.
Geleitet wird PISA von ACER, einem privatwirtschaftlich arbeitenden australischen Forschungs- und Test-Institut, das weltweit operiert, mit Schwerpunkt in Indien und in der arabischen Welt. Es entwickelt Reports und Testinstrumente für Regierungen und internationale Organisationen. Mit im Boot sitzt ETS, der US-amerikanische Educational Testing Service, in den USA der Marktführer in der Test-Branche.
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ETS verwaltet den SAT, den scolastic Aptitude Test, der an allen
namhaften US-Hochschulen als Eingangstest verwendet wird. Ein weiteres PISA-Unternehmen ist CITO, das holländische Testing-Institut, das auch in Deutschland eine Filiale hat und Tests vom Vorschulkind bis zum Erwachsenen verkauft.

PISA war der Einstieg. Mittlerweile hat die Steuerung über
Tests die Schulen massiv verändert: von den Sprachtests für
Vierjährige über die regelmäßigen Vergleichsarbeiten, zentrale Abschlussprüfungen, das Zentralabitur bis hin zu Hochschulengangstests bestimmen Rankings und Tests die deutschen Bildungslandschaft. Damit wird von den drittmittelabhängigen deutschen Forschern Geld verdient: Gerade hat das Bundesbildungsministerium zusätzliche 120 Millionen Euro
für die Bildungsforscher bereitgestellt. Und in den Hochschulen
wird auch schon kräftig abkassiert: von den Akkreditierungsagenturen, die für eine Begutachtung rund 12 000
(und häufig erheblich mehr) Euro einnehmen, und künftig
müssen Studierwillige für einen vom ITB, einem privaten Institut entwickelten Hochschuleingangstest rund 90 Euro bezahlen, um überhaupt in die Auswahl um einen Studienplatz zu kommen.
Tests geben Auskunft, welcher Student gut ist, welcher Schüler, welche Schule, welches Schulsystem. Die Kultusminister treiben scheinbar diese Testindustrie voran. Doch ihre Aufregung über den PISA-Koordinator Andreas Schleicher zeigt: In Wirklichkeit sind sie die getriebenen, die sich diesem neuen, sagen wir es ruhig, neoliberalen Politikstil nicht entziehen können. Das Fatale ist aber: Sie
wollen auch von der staatlichen Eingriffspolitik nicht lassen. Heraus
kommen nominell selbstständige Schulen und Hochschulen, denen sie
de facto einen noch größeren Wust von bürokratischen
Steuerungen auferlegen, und eben scheinbar objektive PISA-Daten, die
aber die Kultusminister mit Sperrfristen, mit Geheimhaltung und
Interpretationsverboten autoritär verwalten wollen.


Heute, 04.12., bei tp:
Die Zahlen sind eindeutig, doch ihre Interpretation steht jedem frei
...
Tatsächlich erreichten die Schüler in Mathematik 504 Punkte und damit nur einen mehr als bei Pisa 2003, während die Spitzenreiter aus Finnland und Korea auf 548 beziehungsweise 547 Punkte kamen. (Chinesisch Taipeh mit 549 und Hongkong (China) mit 547 wurden separat ausgewiesen.) Der wichtige Test "Reading Literacy" fiel noch bescheidener aus. Hier erreichten die Deutschen nach 484 Punkten bei Pisa 2000 und 491 bei Pisa 2003 nun 495 Punkte. Sie weisen gegenüber Korea (556) und Finnland (547) damit einen Rückstand von knapp zwei Lernjahren auf.
...
Aus Sicht der Pisa-Kritiker gibt es nicht nur wissenschaftliche Rückendeckung für die [extern] Zweifel am Gesamtverfahren, sondern auch tragfähige Alternativen. So präferiert Kultusminister Busemann etwa Studien wie den Bildungsmonitor der [extern] "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die ihm politisch [extern] sehr viel näher steht als der renitente OECD-Koordinator oder auch die Arbeiten des "Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen", dessen Leiter Olaf Köller scheinbar diplomatischer veranlagt ist.

Nachtrag, interessant:
Zur Kritik der Output-Steuerung
Noch ein Nachtrag:
Ökonomisierung von Bildung und Privatisierung von Bildungspolitik – Pädagogische An- und Einsprüche

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