Zuweilen XI: Man könnte natürlich vor die Tür gehen und allen einen guten Tag sagen
Zuweilen bemerkt man erst, wenn man vom Tod eines Menschen erfährt, dass er einem eigentlich schon länger gefehlt hat.

Peter O. Chotjewitz ist am 15. Dezember im Alter von 76 Jahren gestorben.
Vor kurzem hatte er sich von der Konkret-Redaktion noch ein Buch zur Rezension gewünscht: Sabine Peters' Roman über seinen Schriftstellerkollegen Christian Geissler, mit dem der ehemalige Rechtsanwalt Chotjewitz das politische Engagement, insbesondere für die Gefangenen der RAF, teilte und der 2008 ebenfalls an Krebs gestorben war. Da er die Buchbesprechung nicht mehr schreiben konnte, bat Chotjewitz am 1. Dezember KONKRET-Redakteurin Marit Hofmann, ihn spontan zu seiner Lektüre zu interviewen.
Das kurze Gespräch, in dem auch die Themen Krebs und Tod zur Sprache kamen, ist auf Seite 64 in der Printausgabe nachzulesen. Bis zuletzt war er bemüht, seine Gesprächspartnerin aufzumuntern.
...
Vor einem Jahr hast du einen Text über den Umgang mit dem Krebs unter dem Titel "Tod den Ärtsten" geschrieben. Siehst du Parallelen dazu, wie Geissler auf die Krankheit und den Medizinbetrieb reagiert hat?
Auch Geissler hat, wie ich es nun tun werde, die Therapien abgebrochen.
christian geissler
zutraulich
als dein jagender atem
niedergemacht hatte klein
all meine wörter
zum trösten
sind um
dich her
ins bersten
geflogen
flüsternamen
aus deiner liebe
viele
jeder
hat seinen gesagt
leise
als wind
unter die last deiner geflügelten angst
Nicht niedergemacht und kleingemacht die Wörter schrieb Chotjewitz zuletzt:
... Die 68er sind jetzt um die 68 und dürfen, prekär verrentet, noch einmal das 68er-Wohlfühl-Gefühl genießen, und die Enkel erleben das, wovor ihre Eltern sie immer gewarnt haben. "Stuttgart 21" wiederbelebt, das muss man der Baumafia lassen, einen historischen Erfahrungshorizont, der Identität stiftet und dem Aussteiger in spe, der gerne auf die Chance verzichtet, überhaupt einzusteigen, die Chance bietet, am eigenen Leib zu erleben, wie sich das angefühlt hat, als Oma beim Schahbesuch eine Dachlatte auf den Kopf kriegte. Funktionierende Gesellschaften brauchen Niederlagen, um dumm zu bleiben. Jahrzehntelang war das 68er-bashing ein Volkssport. Jetzt flattern sie wieder über den Bildschirm, vorbildlich.

Vergessen wir auch nicht: Was einst im römischen Kolosseum der Kampf mit den wilden Tieren war, ist heute die Demo, die mit hoheitlicher Zwangssaftigkeit aufgelöst wird, egal ob angemeldet: Erschütternde Szenen fürs Herz, blau geschlagene Augen, blutende Nasen, hysterische Mütter, jauchzende Kleinkinder, feixende Jugendliche, vermummte Gestalten (zumeist Ordnungshüter), Polizisten, die um ihre Frühstückseier fürchten.
Oppositionelle Kundgebungen dienen der öffentlichen Frustabfuhr, das ist ihre Aufgabe, ihre historische Dimension, sozialpsychologische Hygiene. Die Väter des Grundgesetzes beiderlei Geschlechts wussten um den Verfassungsrang des Demonstrationsrechts. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei sind die Rülpser und Fürze der Demokratie, befreiende Magenwinde, die den schmerzenden Leib von den schädlichen Faulgasen befreien, die das Leben in dieser irrationalen und lange überholten ökonomischen, sozialen und politischen Ordnungsödnis uns tagtäglich zumutet.
Die gequälte Volksseele ist eine echte Kassandra. Lange hat sie geschwiegen. Stumm wie Homer zugeschaut, wie die Geldverwalter ihre Stadt in eine verspiegelte Fata Morgana verwandelt haben. Jetzt schlägt sie ihre zweischneidige Streitaxt dem trojanischen Pferd in die Flanken, um die Laokoons der Bad Banks zu erwürgen, wie eine schreckliche Seeschlange und ihre politischen Kommissionäre aus dem Muff ihrer gepanzerten Leibwächter und sonnenbebrillten Dienstwagen und Villen zu vertreiben. Schluss mit dem Fortschritt durch fortschreitende Vernichtung...
Im Frühjahr erscheint von Peter O. Chotjewitz der Erinnerungsband: Mit Jünger einen Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß, herausgegeben von Jürgen Roth (Verlag Büchse der Pandora).
Peter O.Chotjewitz: Eine vage Geschichte

Peter O. Chotjewitz ist am 15. Dezember im Alter von 76 Jahren gestorben.
Vor kurzem hatte er sich von der Konkret-Redaktion noch ein Buch zur Rezension gewünscht: Sabine Peters' Roman über seinen Schriftstellerkollegen Christian Geissler, mit dem der ehemalige Rechtsanwalt Chotjewitz das politische Engagement, insbesondere für die Gefangenen der RAF, teilte und der 2008 ebenfalls an Krebs gestorben war. Da er die Buchbesprechung nicht mehr schreiben konnte, bat Chotjewitz am 1. Dezember KONKRET-Redakteurin Marit Hofmann, ihn spontan zu seiner Lektüre zu interviewen.
Das kurze Gespräch, in dem auch die Themen Krebs und Tod zur Sprache kamen, ist auf Seite 64 in der Printausgabe nachzulesen. Bis zuletzt war er bemüht, seine Gesprächspartnerin aufzumuntern.
...
Vor einem Jahr hast du einen Text über den Umgang mit dem Krebs unter dem Titel "Tod den Ärtsten" geschrieben. Siehst du Parallelen dazu, wie Geissler auf die Krankheit und den Medizinbetrieb reagiert hat?
Auch Geissler hat, wie ich es nun tun werde, die Therapien abgebrochen.
christian geissler
zutraulich
als dein jagender atem
niedergemacht hatte klein
all meine wörter
zum trösten
sind um
dich her
ins bersten
geflogen
flüsternamen
aus deiner liebe
viele
jeder
hat seinen gesagt
leise
als wind
unter die last deiner geflügelten angst
Nicht niedergemacht und kleingemacht die Wörter schrieb Chotjewitz zuletzt:
... Die 68er sind jetzt um die 68 und dürfen, prekär verrentet, noch einmal das 68er-Wohlfühl-Gefühl genießen, und die Enkel erleben das, wovor ihre Eltern sie immer gewarnt haben. "Stuttgart 21" wiederbelebt, das muss man der Baumafia lassen, einen historischen Erfahrungshorizont, der Identität stiftet und dem Aussteiger in spe, der gerne auf die Chance verzichtet, überhaupt einzusteigen, die Chance bietet, am eigenen Leib zu erleben, wie sich das angefühlt hat, als Oma beim Schahbesuch eine Dachlatte auf den Kopf kriegte. Funktionierende Gesellschaften brauchen Niederlagen, um dumm zu bleiben. Jahrzehntelang war das 68er-bashing ein Volkssport. Jetzt flattern sie wieder über den Bildschirm, vorbildlich.

Vergessen wir auch nicht: Was einst im römischen Kolosseum der Kampf mit den wilden Tieren war, ist heute die Demo, die mit hoheitlicher Zwangssaftigkeit aufgelöst wird, egal ob angemeldet: Erschütternde Szenen fürs Herz, blau geschlagene Augen, blutende Nasen, hysterische Mütter, jauchzende Kleinkinder, feixende Jugendliche, vermummte Gestalten (zumeist Ordnungshüter), Polizisten, die um ihre Frühstückseier fürchten.
Oppositionelle Kundgebungen dienen der öffentlichen Frustabfuhr, das ist ihre Aufgabe, ihre historische Dimension, sozialpsychologische Hygiene. Die Väter des Grundgesetzes beiderlei Geschlechts wussten um den Verfassungsrang des Demonstrationsrechts. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei sind die Rülpser und Fürze der Demokratie, befreiende Magenwinde, die den schmerzenden Leib von den schädlichen Faulgasen befreien, die das Leben in dieser irrationalen und lange überholten ökonomischen, sozialen und politischen Ordnungsödnis uns tagtäglich zumutet.
Die gequälte Volksseele ist eine echte Kassandra. Lange hat sie geschwiegen. Stumm wie Homer zugeschaut, wie die Geldverwalter ihre Stadt in eine verspiegelte Fata Morgana verwandelt haben. Jetzt schlägt sie ihre zweischneidige Streitaxt dem trojanischen Pferd in die Flanken, um die Laokoons der Bad Banks zu erwürgen, wie eine schreckliche Seeschlange und ihre politischen Kommissionäre aus dem Muff ihrer gepanzerten Leibwächter und sonnenbebrillten Dienstwagen und Villen zu vertreiben. Schluss mit dem Fortschritt durch fortschreitende Vernichtung...
Im Frühjahr erscheint von Peter O. Chotjewitz der Erinnerungsband: Mit Jünger einen Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß, herausgegeben von Jürgen Roth (Verlag Büchse der Pandora).
Peter O.Chotjewitz: Eine vage Geschichte
gebattmer - 2011/01/05 21:45
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