Putinismus als postmoderne Herrschaftsform
Der Putinismus speist sich demnach aus einem Gemisch verschiedener Ideologien: Liberalismus, Nationalismus, Konservatismus, christlich-orthodoxe Tradition, „anti-hegemoniale“ Außenpolitik. Der Schlüssel zum Erfolg dieses neuen Autoritarismus, schreibt Pomerantsev, liege darin, dass er „anstatt die Opposition bloß zu unterdrücken, wie noch im 20. Jahrhundert, in alle Ideologien und Bewegungen selbst hineinschlüpft, sie ausplündert und ins Absurde wendet“. Die Folge ist ein politisches System, das wie eine Demokratie aussieht, doch nichts von deren Substanz enthält. Die Wahlen sind manipuliert, die Parteien stehen unter Kontrolle des Präsidenten, die Medien tun, was ihre Besitzer sagen, und die Besitzer gehorchen dem Kreml.
Als wichtigsten Konstrukteur des Systems porträtiert Pomerantsev den Politiker Wladislaw Surkow, der nicht nur ein Strippenzieher sei, sondern zugleich „Ästhet, der Aufsätze zur modernen Kunst verfasst, Experte für Gangster-Rap, der auf seinem Schreibtisch ein Foto von Tupac neben dem Bild des Präsidenten stehen hat“. Wie Surkow könne auch das Regime mühelos seine Identität wechseln. „Es kann sich morgens wie eine Oligarchie anfühlen, nachmittags wie eine Demokratie, zum Abendessen wie eine Monarchie und zur Nacht wie ein totalitärer Staat.“
Tony Wood (The Guardian) im Freitag, Ausgabe 07/15 über
Nothing Is True and Everything Is Possible: The Surreal Heart of the New Russia - Peter Pomerantsev; Public Affairs 2014
Nemzov: "Russland wird faschistisch" - Florian Rötzer, tp 03.03.2015
+ Nochmaliger Verweis auf Tomasz Konicz (Mitgefangen, mitgehangen. Von wegen neuer Kalter Krieg: Russland und China sind Bestandteil des Weltkapitals. Erschienen in KONKRET 05/14) Der weist in einer sehr klugen Analyse darauf hin, dass das blindwütig um sich schlagende Racket, das wir gerade im Irak erleben, nur eine Seite der komplementären Krisenverlaufssymptomatik darstellt:
Als wichtigsten Konstrukteur des Systems porträtiert Pomerantsev den Politiker Wladislaw Surkow, der nicht nur ein Strippenzieher sei, sondern zugleich „Ästhet, der Aufsätze zur modernen Kunst verfasst, Experte für Gangster-Rap, der auf seinem Schreibtisch ein Foto von Tupac neben dem Bild des Präsidenten stehen hat“. Wie Surkow könne auch das Regime mühelos seine Identität wechseln. „Es kann sich morgens wie eine Oligarchie anfühlen, nachmittags wie eine Demokratie, zum Abendessen wie eine Monarchie und zur Nacht wie ein totalitärer Staat.“
Tony Wood (The Guardian) im Freitag, Ausgabe 07/15 über
Nothing Is True and Everything Is Possible: The Surreal Heart of the New Russia - Peter Pomerantsev; Public Affairs 2014
Nemzov: "Russland wird faschistisch" - Florian Rötzer, tp 03.03.2015
+ Nochmaliger Verweis auf Tomasz Konicz (Mitgefangen, mitgehangen. Von wegen neuer Kalter Krieg: Russland und China sind Bestandteil des Weltkapitals. Erschienen in KONKRET 05/14) Der weist in einer sehr klugen Analyse darauf hin, dass das blindwütig um sich schlagende Racket, das wir gerade im Irak erleben, nur eine Seite der komplementären Krisenverlaufssymptomatik darstellt:
- Die mit der Krise des Kapitals immer stärker um sich greifende Barbarisierung könnte somit den Zivilisationsprozess zwischen zwei Mühlsteinen, die bereits jetzt oft genug in Wechselwirkung treten, zermalmen: dem verwildernden Leviathan und dem blindwütig um sich schlagenden Racket.
Vielleicht erklärt dieser Umstand einer schleichenden Annäherung der Verfallsformen sowie des Repressionsniveaus zwischen Ost und West auch die ambivalente Haltung gegenüber Putin oder China in der deutschen Öffentlichkeit, die ja zwischen Bewunderung und offenem Hass pendelt. In dem Verständnis, das weite Bevölkerungsteile und viele Prominente – wie etwa der Altkanzler Helmut Schmidt – für Putins Agieren in der Krimkrise aufbringen, kommen die eigenen autoritären Dispositionen, die Sehnsucht nach der harten Hand, die dem Krisenchaos endlich ein Ende setzen möge, zum Ausdruck, während der Hass auf Russland – neben der oftmals vorhandenen „atlantischen“ Ausrichtung der entsprechenden Akteure – durch die wichtigste historische Leistung Putins wie der chinesischen „KP“ motiviert ist: Sie haben bis zum heutigen Tag verhindert, dass ihre Länder zu einer Peripherie des Westens zugerichtet werden konnten.
gebattmer - 2015/03/02 18:08
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