Zuweilen (XX): El derecho a soñar - Eduardo Galeano (1940 - 2015)
Zuweilen bemerkt man erst (wie ich schon häufiger feststellte), wenn man vom Tod eines Menschen erfährt, wie wichtig er einem war. Eduardo Galeano ist am 13. April 2015 im Alter von 74 Jahren in seiner Heimatstadt Montevideo an den Folgen einer Erkrankung an Lungenkrebs gestorben.

Roberto De Lapuente schreibt heute in seinem Nachruf auf Galeano, den ich unbedingt zu lesen empfehle:
Am Montag ist ein großer Literat verstorben. Ein wortgewaltiger Mann. Seine Themen waren der Kolonialismus und sein Kontinent. Und die Einsicht, dass der Reichtum Südamerikas die Armut beflügelt. Er war nicht ganz so berühmt wie der, der am selben Tag wie er starb. Schade eigentlich...
(Ich stimme auch ausdrücklich De Lapuente zu, wenn er schreibt: Ich mochte Günter Grass nicht.. Das geht mir in jeder Hinsicht genau so!)
"Die offenen Adern Lateinamerikas" war für mich eines der Schlüsselwerke meiner politischen Sozialisation und ich gestehe, dass ich viel dafür getan habe, dass es das auch für meine Schülerinnen und Schüler wurde (in den 80er und 90er Jahren, als man als Politiklehrer noch politisch unterrichten konnte statt Zentralabiturmodule und Kompetenzen). - Vielleicht haben einige ja so die Kompetenz erworben, das Recht von einer besseren Welt zu träumen für ein Menschenrecht zu halten!
Mit „Erinnerung an das Feuer“ will Galeano der Geschichte ihren Atem und ihre Freiheit wieder geben und sie selbst zu Wort kommen lassen. Das perfide an der Geschichtsschreibung ist, dass sie immer von den Siegern aufgeschrieben wird... und so wird den Verlierern nicht nur Land, Bodenschätze, Kultur und Lebensstil geraubt, den Verlierern droht außerdem der Raub des kollektiven Gedächtnisses... und ohne das Bewusstsein eigener Wurzeln, gibt es kein Wachsen und Werden... nur ein Verbleiben im Verlust; während die Sieger immer weiter die Geschichte aufschreiben. Eduardo Galeano versuchte in diesem großen Essay, das ausschließlich aus sogenannten historisch gesicherten Quellen schöpft, eine Chronik seines Kontinents zu erstellen, die – ähnlich wie in den „Offenen Adern...“ – die Geschichte als Lebenswirklichkeit erfahrbar zu machen. Im Laufe der Jahre 1982 bis 1986 entstehen so die drei Bände dieses Projektes: 1982 der Band „Geburten“, 1984 der Band „Gesichter und Masken“ und schließlich 1986 der dritte Band „Das Jahrhundert des Sturms“...
Im ersten Teil des Buches also, der mit dem Untertitel „Erste Stimmen“ versehen ist, lässt Galeano die Mythen der Urbevölkerung über die Entstehung der Welt sprechen; interessant ist, dass auch darin eine Schöpfungsgeschichte gibt – sie dauert allerdings dreizehn Tage. Erstaunlich ist auch, dass die Motive der christlichen Genesis auch in diesen Mythen thematisiert werden; von der Entstehung des Himmels und der Gestirne, bis hin zur ersten Begegnung von Mann und Frau....
Wenn man das gelesen hat, fragt man sich, worauf denn die Hegemonie des christlich-jüdischen Schöpfungsmythos zurückgeht (der Teil der halluzinierten christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes ist), wo doch die Mythen des vorkolumbischen Amerika so viel schöner sind. Die Antwort liegt wohl in den offenen Adern Lateinamerikas.
Ein Beispiel für die Schönheit dieser Mythen sei noch gegeben:
Mann einander neugierig an. Merkwürdig, was sie da zwi-
schen den Beinen hatten.
- Ist es dir abgehackt worden? fragte der Mann.
- Nein, sagte die Frau. - Ich war immer so.
Er musterte sie aus der Nähe. Er kratzte sich am Kopf. Da
war eine offene Wunde. Er sagte:
- Iß keine Yucca und keine Bananen und überhaupt keine
Frucht, die reif geraspelt wird. Ich kurier dich. Leg dich in
die Hängematte und ruh dich aus.
Die Frau gehorchte. Sie schluckte geduldig Kräutertee und
ließ sich Salben und Tinkturen auftragen. Aber sie mußte
doch die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu lachen, als er
sagte:
- Sei unbesorgt.
Das Spiel gefiel ihr, obwohl sie das Fasten und In-der-Hänge-
matte-Liegen schon ein wenig satt bekam. Wenn sie an Obst
dachte, floß ihr das Wasser im Mund zusammen.
Eines Abends stürzte der Mann durch den Wald heran.
Er hüpfte vor Freude und rief:
- Ich hab's! Ich hab's!
Er hatte eben gesehen, wie der Affe die Äffin im Baumwipfcl
kurierte.
- Es geht so, sagte der Mann und trat zu der Frau.
Als ihre lange Umarmung zu Ende war, erfüllte schwerer
Blumen- und Früchtegeruch die Luft. Ein ungeahntes Duften
und nie gesehenes Schimmern ging von den beieinanderlie-
genden Leibern aus, und sie waren so schön, daß die Sonnen
und die Götter sich zu Tode schämten. (59)
Eine wunderbare Vorstellung, dass die Götter sich zu Tode schämten, weil die Menschen entdeckten, was von beieinanderliegenden Leibern alles ausgehen kann. Eine Vorstellung im Übrigen, die Aufklärung eigentlich überflüssig macht. Womöglich ist das, worauf wir so stolz sind, ja nur Produkt eines die Welt quälenden historischen Irrwegs.
Ich schrieb schon einmal (und das passt dann gut zum unten folgenden Beitrag!): Es gibt keine Rechtfertigung für einen westlichen, schon gar nicht für einen deutschen Aufklärungsdünkel, der keine Idee von instrumenteller Vernunft hat.
Roberto De Lapuente schreibt heute in seinem Nachruf auf Galeano, den ich unbedingt zu lesen empfehle:
Am Montag ist ein großer Literat verstorben. Ein wortgewaltiger Mann. Seine Themen waren der Kolonialismus und sein Kontinent. Und die Einsicht, dass der Reichtum Südamerikas die Armut beflügelt. Er war nicht ganz so berühmt wie der, der am selben Tag wie er starb. Schade eigentlich...
(Ich stimme auch ausdrücklich De Lapuente zu, wenn er schreibt: Ich mochte Günter Grass nicht.. Das geht mir in jeder Hinsicht genau so!)
"Die offenen Adern Lateinamerikas" war für mich eines der Schlüsselwerke meiner politischen Sozialisation und ich gestehe, dass ich viel dafür getan habe, dass es das auch für meine Schülerinnen und Schüler wurde (in den 80er und 90er Jahren, als man als Politiklehrer noch politisch unterrichten konnte statt Zentralabiturmodule und Kompetenzen). - Vielleicht haben einige ja so die Kompetenz erworben, das Recht von einer besseren Welt zu träumen für ein Menschenrecht zu halten!
"Es fährt der Seemann zur See, obwohl er weiß, dass er niemals die Sterne berühren wird, die ihn leiten."
Eduardo Galeano, EspejosMit „Erinnerung an das Feuer“ will Galeano der Geschichte ihren Atem und ihre Freiheit wieder geben und sie selbst zu Wort kommen lassen. Das perfide an der Geschichtsschreibung ist, dass sie immer von den Siegern aufgeschrieben wird... und so wird den Verlierern nicht nur Land, Bodenschätze, Kultur und Lebensstil geraubt, den Verlierern droht außerdem der Raub des kollektiven Gedächtnisses... und ohne das Bewusstsein eigener Wurzeln, gibt es kein Wachsen und Werden... nur ein Verbleiben im Verlust; während die Sieger immer weiter die Geschichte aufschreiben. Eduardo Galeano versuchte in diesem großen Essay, das ausschließlich aus sogenannten historisch gesicherten Quellen schöpft, eine Chronik seines Kontinents zu erstellen, die – ähnlich wie in den „Offenen Adern...“ – die Geschichte als Lebenswirklichkeit erfahrbar zu machen. Im Laufe der Jahre 1982 bis 1986 entstehen so die drei Bände dieses Projektes: 1982 der Band „Geburten“, 1984 der Band „Gesichter und Masken“ und schließlich 1986 der dritte Band „Das Jahrhundert des Sturms“...
Im ersten Teil des Buches also, der mit dem Untertitel „Erste Stimmen“ versehen ist, lässt Galeano die Mythen der Urbevölkerung über die Entstehung der Welt sprechen; interessant ist, dass auch darin eine Schöpfungsgeschichte gibt – sie dauert allerdings dreizehn Tage. Erstaunlich ist auch, dass die Motive der christlichen Genesis auch in diesen Mythen thematisiert werden; von der Entstehung des Himmels und der Gestirne, bis hin zur ersten Begegnung von Mann und Frau....
Wenn man das gelesen hat, fragt man sich, worauf denn die Hegemonie des christlich-jüdischen Schöpfungsmythos zurückgeht (der Teil der halluzinierten christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes ist), wo doch die Mythen des vorkolumbischen Amerika so viel schöner sind. Die Antwort liegt wohl in den offenen Adern Lateinamerikas.
Ein Beispiel für die Schönheit dieser Mythen sei noch gegeben:
Die Liebe
Im Amazonas-Urwald sahen die erste Frau und der ersteMann einander neugierig an. Merkwürdig, was sie da zwi-
schen den Beinen hatten.
- Ist es dir abgehackt worden? fragte der Mann.
- Nein, sagte die Frau. - Ich war immer so.
Er musterte sie aus der Nähe. Er kratzte sich am Kopf. Da
war eine offene Wunde. Er sagte:
- Iß keine Yucca und keine Bananen und überhaupt keine
Frucht, die reif geraspelt wird. Ich kurier dich. Leg dich in
die Hängematte und ruh dich aus.
Die Frau gehorchte. Sie schluckte geduldig Kräutertee und
ließ sich Salben und Tinkturen auftragen. Aber sie mußte
doch die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu lachen, als er
sagte:
- Sei unbesorgt.
Das Spiel gefiel ihr, obwohl sie das Fasten und In-der-Hänge-
matte-Liegen schon ein wenig satt bekam. Wenn sie an Obst
dachte, floß ihr das Wasser im Mund zusammen.
Eines Abends stürzte der Mann durch den Wald heran.
Er hüpfte vor Freude und rief:
- Ich hab's! Ich hab's!
Er hatte eben gesehen, wie der Affe die Äffin im Baumwipfcl
kurierte.
- Es geht so, sagte der Mann und trat zu der Frau.
Als ihre lange Umarmung zu Ende war, erfüllte schwerer
Blumen- und Früchtegeruch die Luft. Ein ungeahntes Duften
und nie gesehenes Schimmern ging von den beieinanderlie-
genden Leibern aus, und sie waren so schön, daß die Sonnen
und die Götter sich zu Tode schämten. (59)
Eine wunderbare Vorstellung, dass die Götter sich zu Tode schämten, weil die Menschen entdeckten, was von beieinanderliegenden Leibern alles ausgehen kann. Eine Vorstellung im Übrigen, die Aufklärung eigentlich überflüssig macht. Womöglich ist das, worauf wir so stolz sind, ja nur Produkt eines die Welt quälenden historischen Irrwegs.
Ich schrieb schon einmal (und das passt dann gut zum unten folgenden Beitrag!): Es gibt keine Rechtfertigung für einen westlichen, schon gar nicht für einen deutschen Aufklärungsdünkel, der keine Idee von instrumenteller Vernunft hat.
gebattmer - 2015/04/17 19:29
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