Update_Archäologie (DXXIV): Vor der Morgenröte - In finsteren Zeiten -
Ich habe den Film heute gesehen und kann nur empfehlen, schleunigst ein Programmkino aufzusuchen, das ihn (vermutlich nur noch kurze Zeit) zeigt. Matthias Dell hat in seiner Filmkritik im FREITAG (Ausgabe 2216 | 03.06.2016) treffend beschrieben, warum Sie das tun sollten:

Ganz großartig: Josef Hader als Stefan Zweig! Das ist unglaublich, wie Hader in jeder Szene diesen gebrochenen Intellektuellen, gebrochenen Menschen gibt, - und gleichzeitig immer auch sich selbst. Den Zweifler, den Verzweifelten, am Humanismus Verzweifelnden ...
Ansehbefehl!!
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Vgl. auch
- SPIEGEL: Sternstunde des deutschen Kinos
- ZEIT: Brandrodung auf der Seele
- Süddeutsche: Maria Schrader - Dame, die den Widerstand liebt
- derStandard.at: Wie hat Ihnen "Vor der Morgenröte" gefallen?
Nach der Etablierung des austrofaschistischen Ständestaats und einer Hausdurchsuchung floh Zweig im Februar 1934 zunächst nach England, später dann, im Jahr 1940, über New York, Argentinien und Paraguay weiter nach Brasilien...
Stefan Zweig war zu seiner Zeit ein Starautor und gemeinsam mit Thomas Mann der meistübersetzte deutschsprachige Schriftsteller. Bereits 1934 verließ Zweig seine Heimat Österreich, um ins Exil zu gehen aus dem er nicht zurückkehrte. In ihrem ebenso stringenten wie sinnlich-opulenten Film zeigt Maria Schrader den weltberühmten Autor in sechs Episoden seines Lebens – von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am PEN-Kongress in Buenos Aires 1936 über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike im Jahr 1941 bis zu seinem Tod 1942 in Petrópolis. Dort schrieb Zweig sein wohl berühmtestes Werk „Die Schachnovelle“.
Stefan Zweigs Weg in den Suizid

Was Flucht und Exil bedeuten, welchen Mut und welche Kraft es kostet die Entscheidung zu treffen, seine (geistige) Heimat zu verlassen, die sich selbst zerstört, und lange Jahre heimatlosen Wanderns durchzustehen, können wir eindrucksvoll den Dokumenten der deutschen Exilliteratur entnehmen. Vgl. zB Künste im Exil. Brecht weiß - wie immer - Genaueres zu berichten:
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Vgl. Türkei hindert syrische Akademiker an der Ausreise -Qualifizierte Syrer werden von der Türkei nicht in die EU gelassen. Berichten zufolge will die Türkei diese nicht mehr in den Flüchtlingsdeal einbeziehen. (21. Mai 2016, Quelle: ZEIT ONLINE)
Die ekelhafte (kapitalistische) Vernutzungslogik findet sich dabei ja nicht nur beim Türken, sondern genauso beim Deutsch-Europäer, der anstelle von "schweren medizinischen Fällen" oder "Flüchtlingen mit sehr niedriger Bildung" lieber "syrische Akademiker" eingetauscht bekäme. Wenn ich äußere, dass ich dabei an die Selektion an der Rampe in Auschwitz denken muss, werde ich häufig schräg angesehen. Ich bleibe dabei.
An den Grenzen Europas doppelt zurückgewiesen: Als Menschen und als Wesen, denen Rechte zugesprochen werden.
- Es liegt eine große Freiheit in den Bildern von Schraders Film. Die Figuren hasten nicht von einer Dialogsatzerfüllung zur nächsten dramatischen Wendung, man kann ihnen zuschauen in der Bewegung, beim Schwitzen, Reden, Lächeln. Josef Hader spielt Zweig als dünnen Mann, wie eine Membran, die eben nicht undurchlässig ist, auch wenn die Figur die dauernden Ehrerbietungen der Außenwelt pflichtbewusst entgegennimmt und die persönliche Verlorenheit dahinter zu verstecken sucht.
Aus dieser Ambivalenz zieht Vor der Morgenröte seine motivisch-zarte Spannung, die den Detailreichtum der quirligen Szenen (eine solche Komparserie hat man lange nicht gesehen) zusammenhält. Hinter dem heißen, schönen, paradiesischen On der südamerikanischen Landschaft steht das Off von Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden. Zwischen offiziellen Terminen wie einem Provinzbürgermeisterempfang, auf dem die Kapelle dilettantisch gekonnt inszeniert den Donauwalzer spielt, organisieren die Zweigs – Aenne Schwarz als umsichtig-zurückhaltende Managerin – die komplizierte Logistik der Flucht von anderen. In den großen Bahnhof von Erwartungen beim P.E.N.-Kongress hinein wird Zweig geführt, bis er nach der aufrüttelnd-deutlichen Rede eines unbekannteren Kollegen (Charly Hübner), die der skrupulöse Intellektuelle so nicht hätte halten können, zurückbleibt wie ein Häufchen Scham.
Das sind die dramatischen Kräfteverhältnisse, von denen Vor der Morgenröte wie beiläufig beherrscht wird. Zu Zweigs Biografie, die in dieser Lesart Verbindungen zum Nachdenken über Migration und Engagement heute herstellt, verhält sich Schraders kluger und zugleich sinnlicher Film wie der Zuckerrohrbauer (Matamba Joaquim): Er springt auf das Trittbrett des Wagens, der dieses Leben ist, um ihn auf einem markanten Stück des Weges zu begleiten.

Ganz großartig: Josef Hader als Stefan Zweig! Das ist unglaublich, wie Hader in jeder Szene diesen gebrochenen Intellektuellen, gebrochenen Menschen gibt, - und gleichzeitig immer auch sich selbst. Den Zweifler, den Verzweifelten, am Humanismus Verzweifelnden ...
Ansehbefehl!!
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Vgl. auch
- SPIEGEL: Sternstunde des deutschen Kinos
- ZEIT: Brandrodung auf der Seele
- Süddeutsche: Maria Schrader - Dame, die den Widerstand liebt
- derStandard.at: Wie hat Ihnen "Vor der Morgenröte" gefallen?
Nach der Etablierung des austrofaschistischen Ständestaats und einer Hausdurchsuchung floh Zweig im Februar 1934 zunächst nach England, später dann, im Jahr 1940, über New York, Argentinien und Paraguay weiter nach Brasilien...
- Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege.
Stefan Zweig, Die Welt von gestern, 1942

Stefan Zweig war zu seiner Zeit ein Starautor und gemeinsam mit Thomas Mann der meistübersetzte deutschsprachige Schriftsteller. Bereits 1934 verließ Zweig seine Heimat Österreich, um ins Exil zu gehen aus dem er nicht zurückkehrte. In ihrem ebenso stringenten wie sinnlich-opulenten Film zeigt Maria Schrader den weltberühmten Autor in sechs Episoden seines Lebens – von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am PEN-Kongress in Buenos Aires 1936 über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike im Jahr 1941 bis zu seinem Tod 1942 in Petrópolis. Dort schrieb Zweig sein wohl berühmtestes Werk „Die Schachnovelle“.
Stefan Zweigs Weg in den Suizid

Was Flucht und Exil bedeuten, welchen Mut und welche Kraft es kostet die Entscheidung zu treffen, seine (geistige) Heimat zu verlassen, die sich selbst zerstört, und lange Jahre heimatlosen Wanderns durchzustehen, können wir eindrucksvoll den Dokumenten der deutschen Exilliteratur entnehmen. Vgl. zB Künste im Exil. Brecht weiß - wie immer - Genaueres zu berichten:
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- Von Brecht lernen
Vielen Flüchtlingen geht es um Rückkehr, nicht um Integration. Darauf sollte die Politik sich einstellen. Von Jürgen Wertheimer
... Erst wenn die auch noch so minimale Rückkehroption sich als Unmöglichkeit erweist, kann es - auch bei noch so verlockenden Angeboten der neuen, der Gastkultur - zur Katastrophe kommen: Der Suizid Stefan Zweigs in den ganz und gar nicht "traurigen Tropen" Brasiliens zeigt dies. Als ihm klar wurde, dass nichts von der Welt, deren Chronist er gewesen war, bleiben würde, setzte er seinem Leben ein Ende...
(Süddeutsche, 15. Juni 2016, 18:50 Uhr - Außenansicht)
Vgl. Türkei hindert syrische Akademiker an der Ausreise -Qualifizierte Syrer werden von der Türkei nicht in die EU gelassen. Berichten zufolge will die Türkei diese nicht mehr in den Flüchtlingsdeal einbeziehen. (21. Mai 2016, Quelle: ZEIT ONLINE)
Die ekelhafte (kapitalistische) Vernutzungslogik findet sich dabei ja nicht nur beim Türken, sondern genauso beim Deutsch-Europäer, der anstelle von "schweren medizinischen Fällen" oder "Flüchtlingen mit sehr niedriger Bildung" lieber "syrische Akademiker" eingetauscht bekäme. Wenn ich äußere, dass ich dabei an die Selektion an der Rampe in Auschwitz denken muss, werde ich häufig schräg angesehen. Ich bleibe dabei.
An den Grenzen Europas doppelt zurückgewiesen: Als Menschen und als Wesen, denen Rechte zugesprochen werden.
gebattmer - 2016/06/14 20:38
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