Zwischen Rütli und Pisa

Welche Änderungen sind an den allgemeinbildenden Schulen für die kommenden Jahre zu erwarten?
Alle die, die gerade in Gang gesetzt werden: Schnellerer Durchlauf für die Schulgewinner, dafür frühzeitiger Ausschluß derjenigen Schüler von weiterführender Bildung, die weitere Bildung am nötigsten haben. Standardisierung der Leistungsbewertung, um Deutschland im PISA-Ranking nach oben zu bringen; darüber erstens Konzentration des Unterrichts auf den PISA-Stoff, alles andere fallt raus, und zweitens Anheizung der Konkurrenz zwischen Schulklassen, zwischen Schulen, zwischen Ländern; darüber Sortierung der Schulen nach »guten« und »schlechten«, eben »Rütli-Schulen«, was durch freie Schulwahl der Eltern forciert wird; dazu Zusatzmaßnahmen für den aussortierten Rest, der keine Chance hat, aber weder in der Schule noch außerhalb Ärger machen soll - als da wären: Fördermaßnahmen, damit der 25prozentige Anteil der Quasi-Analphabeten zurückgeht, der für nichts zu gebrauchen ist; Ganztagsschulen, damit die Kids von der Straße kommen und Mutti bzw. Vati ihren zweiten oder dritten Teilzeitjob erledigen können, ohne daß der Nachwuchs Lidl ausraubt oder die Bude auf den Kopf stellt; Polizei(werte)pädagogik, Verschärfung des Jugendstrafrechts ... Und vielleicht hier und da fürs pädagogische Ge- wissen ein ganz tolles Schulexperiment.
Freerk Huisken, Erziehungswissenschaftler, fasst - in Konkret 6/2006 - zusammen, was über die Entwicklung unseres Schulwesens derzeit zu sagen ist. Die Kollegen (Verzeihung: Kolleginnen und ...), die sich auf innere Schulreform konzentrieren, werden's nicht gern hören. Die anderen sowieso nicht ...
Update 29.05.: Eine passende Ergänzung (im letzten Freitag) von Ursula Enderle: Verloren im Assessmentcenter.
Wenn selbst ihre Vermittler nicht mehr an das Überschießende glauben, das Bildung innewohnt, sind wir in der der Schule wohl als einem andauernden Assessmentchenter gelandet.
Die Frage ist, ob Schule - das deutsche Gymnasium - je der Ort der Subjektwerdung durch überschießende Bildung war. Meine These wäre, dass das Überschießende der Schule immer abgezwungen werden musste; geboten wurde selten mehr als ein Haufen toten Stoffs.
Nachtrag: Zu PISA-Stoff und Konkurrenz kommt Werte-Erziehung!
Dazu kürzlich Wieland Elfferding (Moral im Container - Wo Arbeit war, sollen Werte wachsen. Zur Konjunktur falscher Begriffe) im Freitag:
Ohne Regeln können Menschen nicht zusammenleben. Aber wieso aus Regeln "Werte" machen? Die ersten Artikel des Grundgesetzes beispielsweise beschreiben Normen, die eine mehrhundertjährige geschichtliche Erfahrung zusammenfassen und sich als Orientierungen im Alltag bewähren. Aber "Werte"? Man versuche einmal, in Kants kategorischen Imperativ den Begriff des Werts hineinzuschmuggeln - es wäre vergebens. Der Witz ist gerade, dass sich die Imperative durch ihre pure Notwendigkeit im menschlichen Zusammenleben durchsetzen und daher dessen nicht bedürfen, dass sie als "Werte" gepredigt werden. Kant argumentiert etwa, die Regeln des Völkerrechts seien so gebaut, dass selbst ein Teufel sich letztlich an sie halten muss. Denn kein höherer "Wert" oder irgendein Glaube daran könnte ihn mehr überzeugen als die zwingende Notwendigkeit des Friedens. Aufgeplustert, ideologisch überhöht, als eine höhere Macht dargestellt, taugen die menschlichen Regeln, nach Kant wie nach Marx, lediglich zur Legitimation selbsternannter Moralapostel, die auf Rhetorik mehr geben als auf die Vernunft, die grundsätzlich jeder und jedem zuteil ist.
gebattmer - 2006/05/26 01:33
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