Das Bürgertum zerfällt
Mehr als ein Jahrhundert unterstützten die akademischen Eliten verlässlich zunächst liberale, dann konservative Parteien. Der säkulare Wechsel der politischen Einstellung in dieser Klasse kultureller Deuter, die den Zeitgeist prägt, ist eine der folgenreichsten Zäsuren in der Geschichte des deutschen Bürgertums. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass zunächst rot-grüne Mehrheiten entstanden und nun Rot-Rot-Grün eine (mindestens) arithmetische Majorität besitzt. Zugleich hat die politische Neuorientierung eines Teils des Bürgertums wesentlich zum Zerfall des altbürgerlichen Lagers beigetragen.
Auch die Landtagswahlen des Jahres 2008 sind von dem Zerfall des Bürgertums geprägt. In Hessen, Niedersachsen und Hamburg fiel die Distanz zur „bürgerlichen“ CDU in keiner anderen Gruppe derart signifikant groß aus wie bei den Wählern mit Abitur und Hochschulabschluss, vor allem bei solchen weiblichen Geschlechts. Da es sich hier um wesentliche Fermente der Wissensgesellschaft handelt, ist diese Entwicklung für die CDU sehr gefährlich...
Nicht zuletzt deshalb scheint das altbürgerliche Lager aus CDU/CSU und FDP seit einiger Zeit und auf mittlere Sicht - trotz einer leicht besseren Resonanz in der Generation der in den siebziger Jahren Geborenen - auf der nationalen Ebene strukturell mehrheitsunfähig zu sein. Darin mag es begründet sein, dass die Themen dieser Monate nicht aus dem Erzählungsrepertoire der Unionsparteien stammen.
Die Republik diskutiert über den Mindestlohn und die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für die Älteren, wettert über die Schere bei den Einkommen, zu hohe Gehälter für Manager und deren Steuerhinterziehung. Ein bürgerlicher Diskurs ist das nicht. Und es fällt schon ins Auge, wie wenig Bundeskanzlerin Merkel, die noch vor vier Jahren mit dem Anspruch durch das Land zog, Werte und Einstellungen prägen zu wollen, in der Lage ist, einer genuin christlich-demokratischen Interpretation des gesellschaftlichen Handlungsbedarfs den Weg zu bahnen. Doch wozu braucht man dann die CDU? Die Antwort kann gewiss nicht allein koalitionspolitisch ausfallen.
Professor Dr. Franz Walter lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen, hier via faz.net
- eine der intelligenteren Analysen des status praesens des bundesrepublikanischen Parteiensystems! Lesenswert!
Auch die Landtagswahlen des Jahres 2008 sind von dem Zerfall des Bürgertums geprägt. In Hessen, Niedersachsen und Hamburg fiel die Distanz zur „bürgerlichen“ CDU in keiner anderen Gruppe derart signifikant groß aus wie bei den Wählern mit Abitur und Hochschulabschluss, vor allem bei solchen weiblichen Geschlechts. Da es sich hier um wesentliche Fermente der Wissensgesellschaft handelt, ist diese Entwicklung für die CDU sehr gefährlich...
Nicht zuletzt deshalb scheint das altbürgerliche Lager aus CDU/CSU und FDP seit einiger Zeit und auf mittlere Sicht - trotz einer leicht besseren Resonanz in der Generation der in den siebziger Jahren Geborenen - auf der nationalen Ebene strukturell mehrheitsunfähig zu sein. Darin mag es begründet sein, dass die Themen dieser Monate nicht aus dem Erzählungsrepertoire der Unionsparteien stammen.
Die Republik diskutiert über den Mindestlohn und die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für die Älteren, wettert über die Schere bei den Einkommen, zu hohe Gehälter für Manager und deren Steuerhinterziehung. Ein bürgerlicher Diskurs ist das nicht. Und es fällt schon ins Auge, wie wenig Bundeskanzlerin Merkel, die noch vor vier Jahren mit dem Anspruch durch das Land zog, Werte und Einstellungen prägen zu wollen, in der Lage ist, einer genuin christlich-demokratischen Interpretation des gesellschaftlichen Handlungsbedarfs den Weg zu bahnen. Doch wozu braucht man dann die CDU? Die Antwort kann gewiss nicht allein koalitionspolitisch ausfallen.
Professor Dr. Franz Walter lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen, hier via faz.net
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gebattmer - 2008/02/27 23:16
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