GBlog&search

 

GBlog&count

GBlog&listen


Joe Hart Beth & Bonamassa
Seesaw (Ltd.Edition)



Dear Reader
Rivonia


The Pretty Things
Balboa Island



Billy Bragg
Tooth & Nail


Aaron Neville
My True Story


Diana Krall
Glad Rag Doll



Bill Fay
Life Is People


Animals As Leaders
Weightless


Stick Men
Open



Utopia
Ra


Spooky Tooth
Spooky Two


Richie Havens
Nobody Left to Crown




Dimitri Schostakowitsch, Mariss Jansons
Sinfonien 1-15


Moondog & the London Saxophoni
Sax Pax for a Sax

GBlog&read


Eva Menasse
Quasikristalle


Robert Menasse
Der Europäische Landbote


Owen Jones
Prolls






Roberto Bolaño
2666


Roberto Bolaño
Das Dritte Reich: Roman


Sibylle Lewitscharoff
Apostoloff: Roman


Tschingis Aitmatow
Ein Tag länger als ein Leben


Tschingis Aitmatow
Der erste Lehrer


Uwe Timm
Rot


Leonardo Padura
Adiós Hemingway


Antonio Skarmeta
Mit brennender Geduld


José Saramago
Der Doppelgänger


Jose Saramago
Die Stadt der Blinden


Edgar Hilsenrath
Nacht: Roman


Rolf Dubs
Lehrerverhalten

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Archäologie LXXXVI: 9. Januar 1890 - 21.Dezember 1935 - Kurt Tucholsky

Zum 120. Geburtstag ...
Tucho

Tucho-5ps
Tucho_Rolltext

... aus aktuellem Anlass wiederveröffentlicht:


Der bewachte Kriegsschauplatz

Im nächsten letzten Krieg wird das ja anders sein ... Aber der vorige Kriegsschauplatz war polizeilich abgesperrt, das vergißt man so häufig. Nämlich:

Hinter dem Gewirr der Ackergräben, in denen die Arbeiter und Angestellten sich abschossen, während ihre Chefs daran gut verdienten, stand und ritt ununterbrochen, auf allen Kriegsschauplätzen, eine Kette von Feldgendarmen. Sehr beliebt sind die Herren nicht gewesen; vorn waren sie nicht zu sehen, und hinten taten sie sich dicke. Der Soldat mochte sie nicht; sie erinnerten ihn an jenen bürgerlichen Drill, den er in falscher Hoffnung gegen den militärischen eingetauscht hatte.

Die Feldgendarmen sperrten den Kriegsschauplatz nicht nur von hinten nach vorn ab, das wäre ja noch verständlich gewesen; sie paßten keineswegs nur auf, daß niemand von den Zivilisten in einen Tod lief, der nicht für sie bestimmt war. Der Kriegsschauplatz war auch von vorn nach hinten abgesperrt.

"Von welchem Truppenteil sind Sie?" fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stieß, der versprengt war. "Sie", sagte er. Sonst war der Soldat ›du‹ und in der Menge ›ihr‹ – hier aber verwandelte er sich plötzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der bürgerlichen Obrigkeit untertan war. Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde.

Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der französischen Fremdenlegion, gut und gern einen ganzen Verlag ernähren könnte. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.

So kämpften sie.

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.

Sagte ich: Mord? Natürlich Mord.

Soldaten sind Mörder.

Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges "das Feld der Unehre" genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV. nach, der den Krieg "ein entehrendes Gemetzel" genannt hat und das mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.

Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.


Ignaz Wrobel
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 04.08.1931, Nr. 31, S. 191.
ktg_logo_m

Tuchos-treppe

21. Dezember 1935
Um 21.55 Uhr stirbt Kurt Tucholsky im Sahlgrenska Krankenhaus in Göteborg. Im Obduktionsbericht steht: "Intoxicatio? (Veronal?)."

T1935_gross
Tucholskys Grab in Mariefred, unweit von Schloß Gripsholm.

Nachtrag zum Zitat und zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts:
In den 90er Jahren beschäftigte der Konflikt zwischen Meinungsfreiheit und Schutz der Ehre von Soldaten um das Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Die umstrittene Äußerung ist nach der Rechtsprechung des höchsten deutschen Gerichts nur unter engen Voraussetzungen als Beleidigung strafbar.
In der letzten, am 7. November 1995 veröffentlichten Entscheidung zum Zitat des Schriftstellers Kurt Tucholsky (1890-1935) heißt es: Eine Verurteilung ist ausgeschlossen, wenn die Äußerung nicht auf die Herabsetzung einzelner Soldaten oder speziell der Bundeswehrangehörigen zielt. Es handele sich dann nur um eine Kritik an "Soldatentum" und "Kriegshandwerk".
Das Bundesverfassungsgericht hatte vier Verfassungsbeschwerden verurteilter Pazifisten stattgegeben und zugleich seine bisherige Rechtsprechung vom 25. August 1994 bestätigt. Die Gerichte hätten verfassungswidrig in die Meinungsfreiheit der Betroffenen eingegriffen, hieß es.
Damit ist den Gerichten insbesondere untersagt, in dem Tucholsky-Zitat ohne weiteres eine ehrverletzende "Schmähkritik" zu sehen. Eine solche liege nämlich nur vor, wenn nicht die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die "Diffamierung einer Person" im Vordergrund stehe. Die Beschwerdeführer hätten jedoch mit ihren Äußerungen ein Bekenntnis zum Pazifismus formuliert, was nicht als "Schmähkritik" gewertet werden dürfe. (Quelle)

Interessant ist folgende Passage der Urteilsbegründung:

In der Deutung des Amtsgerichts, die Angehörigen der Bundeswehr würden der Begehung von Mordtaten beschuldigt, nimmt die Aussage den Charakter einer Tatsachenbehauptung an, da ein Mord nur zu einem in der Vergangenheit liegenden Zeitpunkt begangen worden sein kann. In einem solchen Sinne konnte kein verständiger Leser die Aufschrift im Jahre 1991 verstehen, auch wenn er nicht wußte, daß Kurt Tucholsky am 21. September 1935 gestorben ist. Ein durchschnittlicher Leser weiß vielmehr, daß die Bundeswehr seit ihrer Gründung noch nicht an einer bewaffneten Auseinandersetzung teilgenommen hat und deshalb noch niemand durch die Soldaten der Bundeswehr im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung getötet worden ist. Es ist deshalb nahezu ausgeschlossen, daß ein durchschnittlicher Leser den Tucholsky-Aufkleber in dem Sinn verstehen konnte, die Soldaten der Bundeswehr würden der Begehung von Mordtaten beschuldigt.


Es ist zu befürchten, dass das Urteil heute anders ausfallen würde, da das BVerfG würdigen müsste, daß ein durchschnittlicher Leser weiß..., daß die Bundeswehr inzwischen nicht nur an einer bewaffneten Auseinandersetzung teilgenommen hat und deshalb doch jemand durch die Soldaten der Bundeswehr im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung getötet worden ist.

Es wäre noch anzufügen: Kurt Tucholsky, 1931

Die Militaristen irren. Es ist gar nicht die Aufgabe der Pazifisten, sie zu überzeugen - sie sollen vielmehr in einem Kampf, der kein Krieg ist, besiegt, nämlich daran gehindert werden, über fremdes, ihnen nicht gehöriges Leben zu verfügen.
Man mache sie unschädlich; einzusehen brauchen sie gar nichts.
Ich bin für militaristischen Pazifismus.

Nachtrag:
WDR 2 Stichtag: 09. Januar 1890: Geburtstag des Journalisten Kurt Tucholsky
gitano - 2010/01/18 09:50

Mein Real-Pazifismus

Der einzige Krieg, bei dem ich sogar mit so etwas wie Begeisterung mitmachen würde, wäre der gegen die Generale und deren Dienstherren.

Unterzeichnet und für gut befunden
Christian Klotz

Trackback URL:
http://gebattmer.twoday.net/STORIES/6127829/modTrackback

Wise Man Says

"Es gibt so viele Arschloch-Typen wie es menschliche Funktionen, Tätigkeiten und Interessengebiete gibt. Und auf jedem Gebiet kann das Verhältnis von AQ zu IQ ein anderes sein. Kein noch so kopfdenkerisches Verhalten bei einem Thema bietet Gewähr dafür, dass nicht schon beim nächsten der Arschdenk mit voller Wucht einsetzt." Charles Lewinsky, Der A-Quotient

Wise Man Says II

"The illusion of freedom will continue as long as it's profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way and you will see the brick wall at the back of the theater." Frank Zappa

Haftungsausschluss

The music featured on this blog is, of course, for evaluation and promotion purposes only. If you like what you hear then go out and try and buy the original recordings or go to a concert... or give money to a down on his luck musician, or sponsor a good busker, it may be the start of something beautiful. If your music is on this blog and you wish it removed, tell us and it shall be removed.

Aktuelle Beiträge

Archäologie CCXLXI:...
Die dominierende Charakteristik jenes Tages vor sechs...
gebattmer - 2013/06/17 20:48
CRISIS , WHAT CRISIS...
By DAVID C. UNGER, foreign affairs editorial writer...
gebattmer - 2013/06/17 20:41
Wie man stilvoll einen...
Dass man heutzutage einfach abschaltet, hat vermutlich...
gebattmer - 2013/06/14 12:19
"Schüler als kognitive...
Auf ihrem Gewerkschaftstag vom 12. bis 16. Juni wird...
gebattmer - 2013/06/14 12:13
Von Griechenland lernen...
Die griechische Regierung hat überraschend beschlossen,...
gebattmer - 2013/06/14 10:46
Drohnendesaster und Fähigkeitslücke...
Zu diesem Thema ein schönes Foto im FREITAG : Muss...
gebattmer - 2013/06/13 22:40
When Legends Gather #...
Beach Boys legend Brian Wilson has returned to Capitol...
gebattmer - 2013/06/11 21:13
The Bankers and the Preachers
Your host for the second season premiere edition of...
gebattmer - 2013/06/11 20:29
DienstagsTipp: Dave Davies...
Der kleine Bruder hat ein - nach erstem Reinhören...
gebattmer - 2013/06/08 01:16
Drohnendesaster und Fähigkeitslücke...
Die gegenwärtige Debatte skandalisiert, dass eine...
gebattmer - 2013/06/04 21:55
DienstagsTipp: Queens...
Anlässlich der Veröffentlichung ihres sechsten...
gebattmer - 2013/05/29 22:09
Die freie Berliner Presse...
Der Postdamer Platz in den Fünfzigerjahren -...
gebattmer - 2013/05/29 20:42
Before and After (V):...
Ein - in vielerlei Hinsicht - wunderbares Fundstück: This...
gebattmer - 2013/05/28 22:13
KABUL GOLF CLUB (II)...
Die Zulassungsprobleme, die zum Scheitern des Drohnenprojekts...
gebattmer - 2013/05/26 23:04
Es gibt Hoffnung: DAX...
Die Deutsche Börse (DAX) erinnert zum 12. und...
gebattmer - 2013/05/22 22:16
Zeitschriftenschau 5/13:...
Eine schöne Zeichnung von Wieslaw Smetek aus...
gebattmer - 2013/05/22 21:23
Ein zynischer Alptraum...
Es ist eine 45-minütige Anklageschrift. Ehemalige...
gebattmer - 2013/05/21 23:19
Das schönste Orgel-Intro...
Ray Manzarek, a founding member of the 1960s rock group...
gebattmer - 2013/05/21 22:27
Forms & Feelings...
Alexandre Forte is a Portuguese street artist, currently...
gebattmer - 2013/05/21 18:45
»Quasikristalle«...
Ganz wunderbar: gestern Abend im Literarischen Salon...
gebattmer - 2013/05/20 23:36

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Aesthetik
Archäologie
Aus der sozialen Überdruckkammer
Bildung
Kritische Psychologie
Lernen
Literatur unterrichten
Medial
Musik
Musikarchiv
Politik unterrichten
Trash
Unterrichten
Welterklaerung
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren