Schirach diskreditiert das geltende Recht als ein scheiterndes, als ein zur Lösung nicht fähiges Recht. Sein Stück wird, ob absichtlich oder nicht, zu einem Plädoyer dafür, sich in Extremsituationen über das Recht hinwegzusetzen.
... »Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit«, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, »die Gleichheit zur Identität.« Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.
Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von dieser merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.
Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen...
Damit fasst sie - so wie ich das verstanden habe - den (unhintergehbaren) Stand aufklärerischen Denkens zusammen, möglicherweise hoffnungslos idealistisch und mit Pathos (was offensichtlich mittlerweile No-Go ist), aber doch wohl für Verfassungspatrioten konsensfähig. - Diesen Konsens lässt die FAZ den Düttmann kündigen - mit einem "Wow"-Geschwurbel, das ich nur in Teilen verstehe. Aber das kann auch an mir liegen:
... Das „Wir“ muss säkular sein, wenn es nicht von Glaubenszugehörigkeiten zerrissen werden will, darf allerdings den Glauben nicht säkularisieren, wenn es den Unterschied nicht wiederum ausschließen will, nicht allein den religiösen Unterschied, sondern den Unterschied, der mit jeder Zugehörigkeit einhergeht. Denn jede Zugehörigkeit birgt einen Glauben, ein letztlich unbegründbares Hängen an einer Perspektive, die sich nicht austauschen lässt. Perspektiven gibt es einzig in der Mehrzahl. In jeder Perspektive gibt es jedoch etwas, das sich ihr entzieht, den blinden Fleck, ohne den der Unterschied zwischen zwei Perspektiven keiner wäre. Deshalb kann es zu gewaltsamen Kollisionen kommen.
Umgekehrt ist das „Wir“, dem die Rede vom Menschen eine heimelige Wiedererkennbarkeit verleihen soll, am Ende immer eines, von dem man nicht mehr weiß, auf wen es sich eigentlich bezieht. Seine Allgemeinheit oder Universalität muss, soll sie eine sein, jede Festlegung des Menschlichen auf eine bestimmte Bedeutung aus den Angeln heben. Im „universalen Wir“ kann sich kein Mensch wiedererkennen.
Die gefährliche Zweideutigkeit des heute vorwaltenden demokratischen Diskurses besteht also darin, dass er stets bloß so tut, als gäbe es Unterschiede und ein „universales Wir“. Ernst meint er es damit nicht. Er berauscht sich an sich selbst, sosehr er auch auf Andersheit oder Pluralität und Offenheit zu zielen vorgibt, die Schwierigkeit und den Konflikt keineswegs verneint. Man kann nichts gegen ihn einwenden, weil er jeden Einwand schon vorweggenommen und sich ein gutes Gewissen verschafft hat, aber nie im Ernst...
Unangenehm, weil intellektuell unredlich finde ich erstmal die geschickt untergebrachte (AfD-Pegida-mäßige) Unterstellung, Emcke sei = vorwaltender demokratischer Diskurs = Polical Correctness --> „links-rot-grün versifftes 68er-Deutschland“ (Meuthen), und höchst problematisch die Aufkündigung des Versuchs, ein „universales Wir“ überhaupt denken - und politisch gestalten - zu wollen. - "There is no such thing as society." (Woman's Own 23.09.1987) Das ist das Vermuffteste, was an freiwilliger intellektueller Korruption derzeit zu haben ist.
Ich fasse nochmal zusammen, was ich verstanden habe: Man muss offenbar heute, wenn man Arschdenk kritisiert, weil es rassistisch, antisemitisch, inhuman, grenzdebil blöd ist, immer auch dazu sagen, dass man natürlich auch rassistisch, antisemitisch, inhuman, grenzdebil blöd sein kann und dass das nichts Schlimmes ist, weil Hegel sagt: „Die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge, die nur dafür sorgt, dass diese sich nicht widersprechen, vergisst hier wie sonst, dass damit der Widerspruch nicht aufgelöst, sondern nur anderswohin geschoben wird“
... Schade ist es bei diesem absehbar finsteren Absturz bei der Verleihung des Schirrmacher-Preises auch um Schirrmacher selbst. Der Namenspatron des Preises war gerade nicht für Vermufftheit bekannt, sondern eher für offenes und flirrendes Denken.
Doch wenn die Frank-Schirrmacher-Stiftung sich heute einen Preisträger und -redner wie Houellebecq ins Haus holt und ihm einen Preis verleiht, der nach einem Großrecken der politischen Meinungsführerschaft benannt ist, sagt sie damit leider ganz deutlich: Dies ist der Schmutz, in dem ich jetzt auf der politischen Bühne spielen will. Diesem Schmutz gebe ich jetzt einen Lautsprecher. Dies ist der Schmutz, mit dem ihr alle jetzt spielen sollt. Das ist der Kick, der mich noch scharf macht...
Der Schriftsteller kennt keine Moral. Die Behauptung der Unmoral ist seine Moral. An der Läuterung, die sein Werk bewirken kann, wirkt er nicht aktiv mit, das macht sein Werk ganz ohne ihn, und wenn er Pech hat, frisst das Asoziale ihn bei lebendigem Leibe auf.
Aber wenn er die Welt seines Werks mit der wirklichen Welt verwechselt und sich selbst mit einem Moralisten, wird es eher schwierig. Natürlich ist die Versuchung groß. Öffentlichkeit ist eine harte Droge. Großschriftsteller sind immer auch Großkurtisanen der Aufmerksamkeitsökonomie – gibt es mit noch scheidigerem Wimpernschlag, mit noch schärferem Skandal-Twerking nicht vielleicht noch etwas mehr davon? Mehr Interviews, mehr Schlagzeilen?
Muff als Gesetz
Den wachsenden Einfluss des Islam in Frankreich belegte Houellebecq in seiner Dankesrede enttäuscht mit den Worten: "Tatsache ist, (…) dass die jungen Mädchen heute, verglichen mit meiner Jugend, sehr viel weniger aufregend gekleidet sind." Der größte Horror unserer Zeit sei neben dem Islam (im Ernst jetzt!) "die Rückkehr des Matriarchats", und zwar "in Staatsform", und "der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst".
Egal aus welcher Zeit und welcher Welt solche Sätze herausgefallen sind, das Wichtigste bleibt: Es ist alles vorbei. Alles geht unter. Die Linksreaktionären und ihre politische Korrektheit sind schuld. Es geht Houllebecq jetzt darum, sich in eine bestimmte Ahnenreihe politisch unkorrekter Denker einzuschreiben. ("Sie waren freie Männer.") Es geht ihm vor allem darum, sich einem nur noch schwer erträglichen, wirren, nekrophilen Muff vom Endzeit-Clash "spiritueller Mächte" zu ergeben und uns allen diesen Muff als Gesetz anzuempfehlen, als letzte Rettung: den Tod als Rettung vor dem Tod.
Reaktionärer Swingerclub
Der Kern von Houellebecqs großer altmännergeiler Weltdeutung aber lautet: Europa steht vor dem Selbstmord, und zwar wegen höherer Geburtenrate der Muselmanen. Muselmanen vögeln einfach mehr und geben ihren Frauen keine Pille, und Vögeln ohne Verhüten ist die Männermacht, die Kulturkriege entscheidet. Unser Preisträger wirft hier sozusagen mit großer Geste das blutige Handtuch der Kameliendame.
Untergang! Unterwerfung! Auf in die große reaktionäre Geisterbahn – das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss. Das ist das Vermuffteste, was an freiwilliger intellektueller Korruption derzeit zu haben ist, im Chor mit Sarrazin, Safranski, Monika Maron, dem ganzen reaktionären Swingerclub, zu dem man nur Zutritt hat, wenn man sich bis aufs Ressentiment nackt auszieht...Lesebefehl!!
Wikipedia: Nach Robin Detje ist Düttmann wie Houellebecq ein typischer Vertreter einer "Männergeniereligion alter Schule", der in erster Linie "geheimnisvoll, unangreifbar und autoritär leuchten und am eigenen Denkmal arbeiten" wolle; mit jedem neuen Thema versuche er wieder, sich "allein in einen Kokon zurückzuziehen, in dem nur seine eigenen Sprachregelungen gelten und nur sein eigenes Raunen ertönt".[1] Es spricht einiges dafür, dass das so ist.
Die Rede von Carolin Emcke und ihre Kritik hatte ich bereits hier kommentiert:
[Wenn Dave J. Hogan nicht möchte, dass sein Foto hier zu sehen ist, nehme ich es sofort raus!]
Mittlerweile hat es etwas Anrührendes, wenn die, die ich seit so langer Zeit kenne, Preise bekommen. Oder wie Brian Wilson bei seinem Konzert in Basel an einen traurigen Alleinunterhalter erinnern.
Oder sich in den Beiwagen setzen wie Karel Gott.
Vor einhundert Jahren trat Dada an, um durch die Politisierung der Kunst Nation und Kapital abzuschaffen. Offensichtlich ohne Erfolg. Dennoch hat dieses Scheitern nicht etwa Nachfolgeprojekte verhindert, die an der gleichen Baustelle gearbeitet haben – im Gegenteil. Um nur ein paar Stationen zu nennen: Der Situationismus, der Punkrock, die Kommunikationsguerilla sowie in letzter Zeit vor allem satirische Aktionskunst arbeiteten dort weiter, wo Dada aufgehört hat. Auch sie hatten keinen Erfolg. Ein Ende dieses permanenten Scheiterns ist trotzdem nicht in Sicht. Auch wenn die bürgerliche Geschichtsschreibung wohl gerade aus Anlass des Dada-Jubiläums versuchen wird, analog zu Marxens Gesamtwerk auch dieses Projekt als historisch verfallen zu bewerten. Grund genug, sich aus materialistischer Perspektive der Gesellschaftsgeschichte anzuschauen, wie das Ganze begonnen hat.
(Rosa-Luxemburg-Stiftung)
Jens Bergers Frage (NachDenkSeiten, 2. November 2016) klingt ja erstmal ein wenig völkisch-seltsam, aber sie wird zu Recht so gestellt, wenn es darum geht, wer den Laden retten soll.
"Die Anstalt" vom 1. November 2016 - in der Mediathek. Das ist in der Tat Aufklärung! (Wovon hier immer so viel die Rede, aber wenig zu spüren ist. Weil der Muslim sie ja angeblich nicht kennt.) Aufschlussreich: Die Anstalt - Faktencheck zur Sendung am 1. … (ZDF)
Schön auch, dass nochmal verwiesen wird auf die Urteile deutscher Gerichte zu den Klagen von Opfern des Bombenabwurfes bei Kunduz. Oberst Klein hatte am 4. September 2009 befohlen, zwei auf einer Sandbank festgefahrene Tanklaster und die umstehenden Menschen durch Bombenabwürfe zu vernichten. Etwa 140 Menschen, vorwiegend Zivilisten, kamen in den Flammen um.
Branded content is a form of advertising that uses the generating of content as a way to promote the particular brand which funds the content's production. Often utilized in native marketing, and somewhat similar in appearance, though different in technique than content marketing, branded content typically presents itself as something other than a marketing ploy first, albeit simultaneously and always presented as a highly branded property and often labeled as "sponsored." Contrary to embedded marketing, where the brand is placed within the content, branded content places the content within the brand. Unlike conventional forms of editorial content, branded content is generally funded entirely by a brand or corporation rather than studio or a group of solely artistic producers, and is used in film, video games, music, the internet, events, installations and television.
The BMW film series The Hire is a series of eight short films (averaging about ten minutes each) produced for the Internet in 2001 and 2002. A form of branded content, the shorts were directed by popular filmmakers from around the globe and starred Clive Owen as "the Driver" while highlighting the performance aspects of various BMW automobiles. The series made a comeback in 2016, fifteen years after its original run ended
1.Neill Blomkamp's Full BMW Film 'The Escape' with Clive Owen
Time to drive. The newest full-length BMW Film has been released online. Titled The Escape, this one is directed by filmmaker Neill Blomkamp (of District 9, Elysium, Chappie), and stars Clive Owen as "The Driver" along with Jon Bernthal and Dakota Fanning. This marks the return of the acclaimed action series launched by BMW in 2001, a short film series featuring BMW cars made by talented directors. The Escape features the All-New 2017 BMW 5 Series - as well as some kick ass action...
After the controversial disappearance of their Chief Medical Officer, a shadowy bio genetics company is under siege by the FBI for secretly cloning humans. Amidst the chaos, Molgen’s head mercenary Holt (Jon Bernthal) is sneaking out the last living clone, a young woman named Lily (Dakota Fanning) to a mysterious buyer. Holt has hired The Driver (Clive Owen), accompanied by a heavily armed squadron of fellow Molgen mercenaries, to evade the authorities and deliver Lily and himself to the buyer. The journey takes an unexpected turn and Holt is forced to take matters into his own hands, as the driver once again demonstrates his mettle and extraordinary driving skills. The Escape is directed by Neill Blomkamp. The original BMW Films series called "The Hire" launched with eight short films released in 2001 & 2002, made by eight different directors: John Frankenheimer, Ang Lee, Wong Kar-wai, Guy Ritchie, Alejandro González Iñárritu, John Woo, Joe Carnahan & Tony Scott. Thoughts?
Das Silicon Valley ist die Keimzelle einer digitalen disruptiven Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die inzwischen beinahe die ganze Welt umspannt - aber heute noch nirgendwo so stark ausgeprägt ist wie in den Vereinigten Staaten. An der amerikanischen Westküste sind Tech-Giganten wie Alphabet, Apple oder Facebook entstanden, ihre Firmengründer wurden zu globalen Superstars und verhalfen den Nerds zu Sexappeal. Sie schufen neue Märkte und Business-Ökosysteme, und brachten unzählige profitable Geschäftsmodelle des Industriezeitalters ins Wanken.
Und die nächste Generation des Valley startet ebenso lustvoll den Angriff auf die Giganten des Industriezeitalters. Ganze Branchen werden von Airbnb, Uber und anderen hochbewerteten Einhörnern angegriffen. Sie sind dabei Vorbild für die Startups in aller Welt. Gründer rund um den Globus eifern den Kapuzenpulli-Helden von der Westküste nach. Nichts und niemand soll vor dem Tsunami der Disruption sicher sein: Die Theorie der "schöpferischen Zerstörung" des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter wurde mit einer beinahe religiösen Innovationsgläubigkeit verinnerlicht - Verdrängungswettbewerb und Angriff auf das Etablierte als kategorischer Imperativ.
Diese Innovationen haben Kulturtechniken verändert, die Art zu kommunizieren, sich zu organisieren, zu informieren, zu erinnern und zu orientieren. Kurzum: Sie haben ganze Gesellschaften verändert. Die digitale Logik der agilen, fluiden horizontalen Netzwerkbildung ist inkompatibel mit dem Betriebssystem des Industriezeitalters und seiner trägen, vertikalen Massenorganisationslogik. Infolge der digitalen Revolution geraten diese Massenorganisationen und vertikale Hierarchien immer mehr unter Druck - die Krise der Volksparteien und repräsentativen Demokratie, mitsamt des ihr nachgelagerten Soziotops der Experten aus Wissenschaft und Journalismus, ist Ausdruck dieser Entwicklung...
Interessante Überlegungen, - auch wenn der Autor Foresight Manager (bei dem Beratungsunternehmen Z-Punkt) ist.
4. What the fuckin hell is a foresight manager? Corporate foresight is an ability that includes any structural or cultural element that enables the company to detect discontinuous change early, interpret the consequences for the company, and formulate effective responses to ensure the long-term survival and success of the company ...
Also wahrscheinlich sowas zum Vom-Dach-Springen wie gestern in der ARD: Dead Man Working.
... The truly old-fashioned impression you come away with from a Jeff Beck concert isn’t the guitar-band setup; there are still plenty of new guitar bands. It’s the dramatic attention to what he is doing with his hands, and how he is doing it.
There was something particular, specialized and unusual about pretty much every individual sound he produced: his chords, struck roughly with his thumb, framed with strange temporal relations to the beat, and then clipped off; his sparing and startling use of fast legato flourishes; his almost constant patrolling of microtonal areas, all the pitches between the notes, through the careful use of his tremolo bar in his right hand and the fingers of his left hand; his ways of making a phrase sound physical, falling and rising and pulsating. Mr. Beck is virtuosic, he’s dramatic, and he’s in a permanent musical state of controlled volatility, and he doesn’t ever go out of tune.
But beyond all that is an old show-business virtue that lies outside music. This is prestidigitation, a kind of large-theater magic-show. (It feels very early-20th-century.) You wonder, “How did he do that?” once, then twice, and then you have too many questions to keep track of: He’s got you, no matter how middling the surrounding sounds might be....
Spannend immerhin, wenn man auf den größer gemachten eigenen Fotos nicht eine Leiche, aber Außerirdische mit ET-Fingern findet!!
Ist aber nichts passiert! ... Wie in Blow Up.
Tolle Fotos von Becks Auftritt bei der Baloise Session am 22.10.16 (vgl. auch Brain Wilson am 31.10.16)
+ Nicht Köln, aber dieselbe großartige Besetzung in NY, Madison Square Garden: Jeff Beck - guitar, Rosie Oddie - vocal, Rhonda Smith - bass, Carmen Van Den Berg - guitar, Jonathan Joseph - drums:
Billy skipped school again looking like a fool again
What a little waste for a taste of a big boys life
I'm scared for the children
Computer screens and magazines
Manufactured hopes and dreams
Playing in a concrete box cause mother's got her shows to watch
I'm scared for the children
This is the end of the age of the innocent
One more game before they go
This is the end of the age of the innocent
What will we leave them with
Suppose we'll never know
Processed greens and man made meat
running out of things to eat
Little boys having way too much fun playing with a big boys gun
I'm scared for the children
And on the day the last bird dies
There won't be a drop from their big square eyes
An old man with his eyes just like glass
Kisses the last blade of grass
I'm scared for the children
No respect for anyone
Why would they after what we done
What an example we have set, what a planet we have left
Let's be there for these children
Finanziers und Profiteure des deutschen Faschismus hatten Namen und Adressen – und Einträge in Bankenverzeichnisse und Unternehmensregister. Über politische Einstellung, Werdegang, Verantwortung, Aufsichtsratsposten, Initiativen in Industriellenzirkeln oder Bankvorständen der einflussreichsten Persönlichkeiten der Zeit der Weimarer Republik bis zum Ende der Naziherrschaft gibt es Aufzeichnungen. Sie verdeutlichen, dass die politische Basis des Faschismus keineswegs aus abstrakten Ideologemen oder der Faszination des Bösen bestand. Sie war vielmehr durch rationale (Geschäfts-)Interessen begründet. Die Arbeit von Karsten Heinz Schönbach behandelt die Beziehung des deutschen Großindustrie- und Bankensektors zur NSDAP vom Beginn ihres Werbens um Unterstützung bis zum Höhepunkt der Macht. Mit seiner Dissertationsschrift hat der Autor auch nach Ansicht seines Doktorvaters, Prof. Dr. Wolfgang Wippermann (FU Berlin), ein Standardwerk zum Thema veröffentlicht, das auch bislang unbekanntes Quellenmaterial auswertet und eine bemerkenswerte Fortsetzung der historischen Faschismusforschung darstellt. Schönbach sichtet die Akten von zwölf Industriekonzernen, sieben Banken und sechs Industrieverbänden, bezieht umfangreiches Material staatlicher und anderer entscheidender politischer Institutionen mit ein, stöbert in persönlichen Nachlässen prominenter Schlüsselfiguren und kann so auf die umfangreichste Quellensammlung zurückgreifen, die jemals zum Thema zusammengestellt wurde. Aus schon erschlossenen Beständen bringt Schönbach Erkenntnisse, die bislang offenbar von der Forschung unberücksichtigt blieben. Rezension zu Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926 – 1943. Von Christian Sprenger: Marxistische Blätter 2_2016, Seite 143 ff Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926 – 1943, Berlin 2016, trafo Wissenschaftsverlag, 680 S., ISBN 978-3-86464-080-3, € 59,80
Nun kann man ja gegen das Vorgetragene einiges einwenden; - aus meiner Sicht vor allem, dass die Dankesrednerin nichts weiß oder nicht spricht oder sprechen will von Ökonomie und also den sozio-ökonomischen Bedingungen, unter denen Menschen so oder so denken, unter denen Moral überhaupt substanziell erfahrbar und lebbar sein kann (- ein altes Problem der Frankfurter Schule im Übrigen) .
Die Sorte Kritik aber, die die Rede einfährt, mag ich nicht :
... Neben viel Wohlwollen und Dankbarkeit erfährt die Rede auch einige Kritik und Missgunst, die im Großen und Ganzen darin besteht, einerseits zuzugeben, dass Emcke theoretisch mit allem recht habe, aber wenig Neues erzähle und sich in selbstgefälligem Pathos so ganz wohlfühle auf ihrer Kanzel. Das ist ein ziemlich eigenwilliger Widerspruch, wenn man bedenkt, was sie gesagt hat...
Was den Argumentationen dieser Kritiker gemein ist: Sie setzen einen neuen Standard: Man darf nicht Arschdenk veruteilen ohne Verständnis für Arschdenk zu äußern.
... Carolin Emcke würde nie auf die Idee kommen, aus dem Leiden anderer eine ästhetische Erfahrung zusammenzuzimmern. Carolin Emcke würde nie auf die Idee kommen, sich selbst zur moralischen Autorität zu erheben. Carolin Emcke hat weise Eulenaugen, die mahnende Leiderfahrung transportieren...
Der Pflaumenkuchen ist noch warm, er wird im sogenannten „Rittersaal“ serviert. Ellen Kositza sieht aus, wie das Wort Rune klingt oder das Wort Alraune oder das Wort Undine.
Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des Klangs. Schmal, schön, selten, vielleicht ein bisschen böse, fanatisch-apart...
Eine Analyse, wie Sie sie von Frau Emcke verlangen, ist das nicht, Frau Lühmann!
Ich dokumentiere hier den 2. Teil ihrer Dankesrede, um deutlich machen, in welch völlig unterschiedlichen kulturellen Kontexten man/frau sich bewegen und auf welch unterschiedlichem intelletuellen Niveau man/frau reden.
[Nur zu Dokumentationszwecken:Ellen Kositza bei Sezession im Netz]
Die Spätmoderne im Widerstreit zweier Kulturalisierungsregimes
Einen interessanten Ansatz, die ganz offensichtlich völlig unterschiedlichen kulturellen Lebens- und Denkformen (Emcke - Kostiza) und die sie tragenden institutionellen Ordnungen zu deuten, finden Sie hier:
Eine der zentralen Widersprüchlichkeiten der globalen Gesellschaft der Gegenwart betrifft die Ambivalenz von Öffnungs- und Schließungsprozessen. Diese Zwiespältigkeit lässt sich auf verschiedenen Ebenen festmachen. Sie findet sich zum einen im Bereich der sozialen Ungleichheit, in der Gegenläufigkeit zwischen dem Aufstieg und der sozialen Mobilität einer neuen globalen Mittelklasse, vor allem in Asien und Lateinamerika, und der ‚schließenden‘ Zementierung einer neuen, post-industriellen Unterklasse, vor allem in den Industriegesellschaften. Die Ambivalenz zwischen Öffnung und Schließung lässt sich aber auch auf der Ebene der kulturellen Lebensformen und den sie tragenden institutionellen Ordnungen beobachten, um die es mir im Folgenden geht. Auf der einen Seite findet in der Spätmoderne eine historisch außergewöhnliche kulturelle Öffnung der Lebensformen statt, eine Pluralisierung von Lebensstilen, verbunden mit einer Öffnung und Pluralisierung von Geschlechternormen, Konsummustern und individuellen Identitäten, wie sie vor allem von der globalen Mittelklasse getragen wird und sich in den globalen Metropolen konzentriert. Gleichzeitig beobachten wir an verschiedenen Orten weltweit Tendenzen einer kulturellen Schließung von Lebensformen, in denen eine neue rigide Moralisierung wirksam ist. Das Spektrum solcher Schließungen reicht von den partikularen Identitätsgemeinschaften über einen Neo-Nationalismus bis hin zu den religiösen Tendenzen des Fundamentalismus. Die Öffnung der Kontingenz von Lebensformen einerseits, der Versuch ihrer moralischen Schließung andererseits, die wir seit der Jahrtausendwende beobachten, bilden offenbar zwei Tendenzen der globalen Gegenwartsgesellschaft, die vollständig unvereinbar erscheinen...
Als hilfreich zur Deutung aktueller Konfliktlinien (innen- wie weltpolitisch) erweist sich der Kuturalisierungsschema-Ansatz hier:
Was wir in der Spätmoderne vielerorts beobachten, ist allenfalls vordergründig ein Huntington'scher Kampf der Kulturen, letztlich jedoch ein Widerstreit zwischen diesen beiden Kulturalisierungsregimes, zwischen Hyperkultur und Kulturessenzialismus. Erst wenn man diese abstraktere Sichtweise einnimmt, wird erkennbar, dass einander derartig feindlich gesonnene Gruppen wie die Salafisten oder Marine LePens Front National, die Evangelikalen und Putins Nationalismus dem gleichen Muster folgen, nämlich dem der Kulturalisierung II. Sie füllen den Kulturessenzialismus inhaltlich zwar unterschiedlich aus, teilen aber das gleiche Kuturalisierungsschema, was zur Folge hat, dass sie allesamt der Kulturalisierung I entgegenstehen. Religiöse Fundamentalismen, Rechtspopulismen und Nationalismen in ihren verschiedenen regionalen Spielarten würden für Huntington jeweils unterschiedliche ‚Kulturen‘ bilden, während nun deutlich wird, dass sie allesamt dem gleichen Muster der Kulturalisierung II folgen. Umgekehrt bildet ‚der Westen‘ nicht lediglich eine weitere Kultur, wie Huntington suggeriert, sondern in seiner spätmodernen Form eine grundsätzlich andersartig strukturierte Form der Kulturalisierung, die Kulturalisierung I der Hyperkultur.
Räumlich stehen beide Regime einander im Übrigen durchaus nicht im einfachen Sinne einer Dramatisierung ‚The west against the rest‘ gegenüber. Die Kulturalisierung I der kulturellen Märkte und Selbstverwirklichungssubjekte mag historisch ihre Wurzeln in Europa und den Vereinigten Staaten haben, doch hat sie sich längst globalisiert. Sie findet sich mittlerweile in den entsprechenden avancierten Milieus sowohl in den ost- und südasiatischen als auch in lateinamerikanischen Metropolen. Umgekehrt ist die Kulturalisierung II keineswegs nur in Asien oder Osteuropa lokalisiert, sondern ebenso in Westeuropa oder den USA. Der ‚Westen‘ ist eben kein geografischer Begriff, sondern ein symbolischer.
Wie lässt sich nun aber das Verhältnis zwischen beiden Kulturalisierungsregimes begreifen? ...
... und wenn der Autor nach Interaktionsmöglichkeiten zwischen Koexistenz und Konflikt von Hyperkultur und Kulturessenzialismus fragt.
Wie gesagt: Lesenswert!! - Auch wenn dem Soziologen (wie der Philosophin) die ökonomische Basis igendwie abhanden gekommen ist: Kulturalisierung I als eine der kulturellen Märkte und Selbstverwirklichungssubjekte zu charakterisieren, greift denn doch zu kurz, bräuchte eine Analyse, was denn kulturelle Märkte sind!
Man kann aber die mögliche Tragfähigkeit der These vom Widerstreit zweier Kulturalisierungsregimes noch einmal schön ausprobieren, wenn man sich ansieht:
... Völkische wie sozialistische Ideen verfolgen ein ähnliches Ideal: Es geht um die Auslöschung der Differenz. Die Moderne als Ausdifferenzierung der Gesellschaft, ökonomisch wie ethnisch, wird als Problemfall einer Therapie unterzogen.
Es ist ein Ressentiment, das links wie rechts Andersdenkenden, Anderslebenden oder auch nur anders Aussehenden entgegengebracht wird. In Fernsehkrimis bilden Superreiche dekadente Milieus, die aufgrund ihres maßlosen Vermögens jeden moralischen Halt verloren haben.
Nach den linken Jahren der Stimmungsmache gegen die Eliten stimmen Absteiger und Abstiegsbedrohte von rechts in den Chor der Elitenhasser ein. Dass gerade sozial Schwache von der massiven und mitunter wenig leistungsgerechten Umverteilung profitieren, davon spricht niemand. Die Reichen haben keine Lobby.
Ein schönes Beispiel für grenzdebiles Hin-und-Her zwischen den Kulturalisierungsregimes!
Vor rund einem Jahr fiel Merkels berühmter Satz „Wir schaffen das!“ Die Euphorie der Willkommenskultur ist schnell verflogen, die geflüchteten Menschen sind geblieben. Die Auseinandersetzung, wie mit ihnen umgegangen werden soll, spaltet zunehmend die Gesellschaft. Die auftretenden Schwierigkeiten und Zwischenfälle mit Migranten leiten Wasser auf die Mühlen der Rassisten und Rechtspopulisten. Am Beispiel eines kleinen nordhessischen Dorfes und einer dort untergebrachten afghanischen Familie berichtet der Autor von den Höhen und Tiefen des Integrations-Alltags … weiter
Immer wieder trifft Fefe den Nagel auf dem Daumen:
Hey, bei dieser Wallonie-vs-CETA-Geschichte, da habt ihr euch sicher was ausgemalt, ein Bild vor Augen. Dieser Regionalpolitiker da, der CETA im Weg steht gerade. So ein dickschädeliger französischsprachiger Bauerntölpel vielleicht. Eine Gerard Depardieu-Figur vielleicht. Höflich, rundlich, bisschen doof, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, als Gewerkschaften noch was zu sagen hatten. Ja? Bin ich nah dran?
A suave, Cambridge-educated former professor of EU constitutional law at the Université Libre de Bruxelles, […]
Magnette was a European affairs scholar long before he was a politician. He specialized in EU constitutional issues for much of the 2000s, and European Commission President Jean-Claude Juncker tried to play on his commitment to the broader European project.
Mit anderen Worten: Das ist wahrscheinlich der Einzige weit und breit, der den CETA-Text mal durchgelesen und auch verstanden hat....
... Das ehemalige Nachrichtenmagazin zieht den naheliegenden Schluss aus dem CETA-Wallonie-Problem:
Wir müssen weniger Demokratie wagen! Die Demokratie könnte so schön sein, wenn man nicht immer auf diese nervigen Wähler Rücksicht nehmen müsste! Woher nehmen die eigentlich das Recht, uns beim Durchregierungen im Weg zu stehen?!
Update: 2.087 kleine und große gallische Dörfer: Die Wallonie steht mit ihrer Gegnerschaft zu CETA in Europa nicht alleine da
Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk heißt es derzeit, die Wallonie, in der nur 0,7 Prozent der Bürger der EU-Mitgliedsländer lebten, blockiere für alle 510,06 Millionen Einwohner das Freihandelsabkommen CETA. Das kann man so sehen – oder auch nicht. Geht man nämlich nicht nur in Belgien, sondern auch in anderen europäischen Ländern auf die Ebenen unterhalb der Nationalparlamente, dann stellt sich die Situation etwas anders dar: Hier haben sich inzwischen 2.087 Regionen und Kommunen explizit gegen CETA und dessen großen Bruder TTIP ausgesprochen – darunter auch Metropolen wie Amsterdam, Edinburgh, Barcelona, Mailand und Wien.
Quelle: Telepolis
Willkommen, Mr. Chance: Hal Ashbys exzellente, medienkritische Satire über einen Gärtner, der das Leben nur aus dem Fernsehen kennt und schließlich genau dort berühmt wird.
Nach dem Tod seines zurückgezogen lebenden Arbeitgebers wird der in völliger Isolation aufgewachsene Gärtner Mr. Chance auf die Straße gesetzt. Bei einem Autounfall lernt er das Industriellenehepaar Rand kennen. Er wird für einen reichen Mann gehalten und bei den Rands zum Dinner eingeladen. Seine neuen Freunde zeigen sich von den (missverstandenen) Weisheiten von Chancy Gardner, der die Welt nur noch aus dem Fernsehen kennt, schwer beeindruckt. Er wird sogar dem Präsidenten der USA vorgestellt – und selbst zum TV-Star. Und am Ende ist der Gärtner ernsthaft als Präsidentschaftskandidat im Gespräch ist (wie jetzt dieser adrette Cowboy, schrieb Hans C. Blumenberg in seiner Filmkritik in der ZEIT, 19. September 1980 - und wie jetzt dieser Pleite-Bauarbeiter - möchte man anschließen!).
A few songwriters have been versatile enough to produce really well written autobiographies (Ray Davies, Pete Townshend, Kristin Hersh, Stuart David, etc.), but most should probably stick with the “oooh babies.”
Brian Wilson is an interesting exception. His persona is one of charming, and rather inarticulate, sincerity. He is a pop star with a true “voice” beyond his singing one, and though I do not expect or even want compelling prose from Brian Wilson, I still want to read his story as told by him because it is such a fascinating and intensely personal one.
I Am Brian Wilson fits the bill perfectly. Wilson wrote his book with the assistance of the versatile Ben Greenman, and its too-articulate and linear prologue chapter had me worrying that I’d be reading Greenman’s voice instead of that of the show’s star. With the first proper chapter, that articulateness evaporates and the linearity splits like an egg to allow Brian’s ping pong-ball mind to bounce out. One moment he is waxing nostalgic about the old children’s show Beany and Cecil, the next he is remembering the 1973 Holland sessions, the next he is leaping ahead 25 years to discuss his solo album Imagination. Greenman seems to play the role of stenographer rather than co-writer as Brian unleashes his flood of memories, opinions (favorite albums: Rubber Soul, A Christmas Gift for Your from Philles Records, and Tommy—great choices, Brian!), and creation stories. Serious fans will swoon when he discusses marvelous oddities such as “Busy Doin’ Nothin’”, “A Day in the Life of a Tree”, “Girl Don’t Tell Me”, and “In the Back of My Mind” with the same attention he affords “California Girls” and “God Only Knows”. The utter lack of pretense in the prose captures that familiar slightly flat, slightly sad, often rhapsodic voice with true authenticity. A definitive passage has Brian describing how he once dressed up as a mummy to amuse a cousin in the hospital and clarifying that “I wasn’t really a mummy.” That absence of guile, that innocence, that subtle and perhaps unself-aware humor is what makes Brian Wilson’s complex music so uncomplicatedly beautiful and him so lovable.
Nachtrag: Wolfgang Zechner: Haare wie Ronald Reagan Brian Wilson, der Kopf der Beach Boys, erinnert bei seinem Konzert in Basel an einen traurigen Alleinunterhalter
Eine liebe- und repektvolle Kritik des Auftritts bei der Baloise Session (im FREITAG 4416).
Da geht es um ein Heim in Essen und den Verdacht auch in anderen Kinderheimen könne es sowas gegeben haben. Vom Birkenhof Hannover ist nicht die Rede: Ich fragte in einem Beitrag von 2016/02/03, ob meine Lieblings-HAZ anlässlich der seinerzeit akutellen Veröffentlichungen sich der Geschichte des Birkenhofs annimmt. Hat sie nicht!
Man darf es wohl bemerkenswert nennen, dass man das, was heute - bruchstückhaft - aufgearbeitet wird, schon 1970 wissen konnte - wenn man denn wissen wollte. Aber man tue bitte nicht so, als hätte man nicht wissen können!! Daher Re-up:
Gestern nun berichtete frontal21 über Medikamententests in Heimen und Kinder als Versuchskaninchen:
Pharmafirmen wie Merck oder die Tropon-Werke Köln haben in den 50er und 60er Jahren an Heimkindern Medikamente testen lassen. Nach Recherchen von Frontal21 wurden beispielsweise in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf bei Hannover, den Rotenburger Anstalten bei Bremen sowie im Landeskrankenhaus Düsseldorf an den weitgehend recht- und wehrlosen Insassen unter anderem Neuroleptika erprobt.
Als Scheidungskind war M. G. 1972 in den Birkenhof abgeschoben worden, ein geschlossenes Mädchenheim in Hannover. Monatelang musste die 14-Jährige täglich Tabletten einnehmen, obwohl sie, wie sie heute sagt, kerngesund war: "Warum ich die kriegte, weiß ich nicht. Ich war nie krank in meinem Leben."
Nach einem Vierteljahr kam sie in die Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf bei Hannover, wo eine Ärztin mit einem EEG die Gehirnströme des Mädchens aufzeichnete. Die Prozedur wurde mehrmals wiederholt. Dann nahm die Ärztin eine schmerzhafte Lumbalpunktion vor. Dabei saugte sie mit einer Spritze Gehirnflüssigkeit aus dem Wirbelkanal ab.
Wie Marion Greenaway erging es nach Recherchen des ZDF-Magazins "Frontal 21" auch anderen Mädchen aus dem Birkenhof. Keine der Betroffenen erfuhr den Hintergrund der Untersuchung. In Wunstorf existieren keine Unterlagen mehr, in Marion Greenaways Heimakte fehlt jeder Hinweis auf eine Behandlung. ...
Die Untersuchungen in Wunstorf führte eine Ärztin durch, die auch schon zehn Jahre zuvor dort an einer Studie mitgewirkt hatte. Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als "lebensunwert" und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen.
Unter seiner Leitung mussten Anfang der Sechzigerjahre Heimkinder über längere Zeit die Arznei Encephabol mit dem Wirkstoff Pyritinol schlucken. Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift - einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.
Zu den Medizinern, die nach 1945 ungehindert weiterforschen konnten, zählte auch Friedrich Panse. Auch er war als Gutachter in das Euthanasie-Mordprogramm der Nazis verstrickt. Der Psychiater und Neurologe war seit den Fünfzigerjahren Leiter der Rheinischen Landesklinik in Düsseldorf. Er veranlasste 1966 eine Studie mit dem Medikament Truxal (Wirkstoff Chlorprothixen), das damals von den Troponwerken Köln, heute Meda, hergestellt wurde. Das Psychopharmakon wird in der Fachinformation nur für Erwachsene empfohlen, damals wurde es aber an Kindern des Heims Neu-Düsselthal erprobt.
Innerhalb eines Dreivierteljahrs mussten die Kinder des Kinderheims insgesamt über 37.000 Pillen schlucken, darunter allein 13.000 Tabletten Truxal....
Ich kann mich erinnern, dass in den 60er Jahren die Drohung "Wenn Du nicht gehorchst, kommst Du ins Heim" gängiges Erziehungsmittel war und dass hier in Hannover dann auch die Rede war von den Birkenhof-Mädchen (als abschreckendes Beispiel). Ein ZDF-Film von 2013 hat das verarbeitet:
Und alle haben geschwiegen - Über das Leid der Heimkinder
Nicht für alle waren die 50er und 60er Jahre in der Bundesrepublik eine Zeit des Aufbruchs. In kirchlichen und in staatlichen Heimen wurden etwa 800.000 Kinder jahrelang unter heute unvorstellbaren Bedingungen gedemütigt, geschlagen, ausgebeutet und eingesperrt.
Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten – Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten.
Umfangreiches Hintergrundmaterial sowie Film und Dokumentation in der Mediathek des ZDF!!
Interessant ist eine Szene in der ZDF-Dokumentation zum Film (ab 24:20): Ein Sonderpädagoge, der Gespräche mit Insassen von Erziehungsheimen führen konnte, übergibt sein Material einer Journalistin: Ulrike Meinhof! -
Es gibt ja nicht wenige Hinweise darauf, dass die Radikalisierung der Meinhof, Baader, Enslin nur zu begreifen ist im Zusammenhang mit ihrem Engagement für Heimzöglinge - und dass die zweite Generation der RAF sich rekrutierte u.a. aus ehemaligen Heimzöglingen.
Im schleswig-holsteinischen Glückstadt gab es in der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1969 einen Aufstand von Heimzöglingen, der möglicherweise sogar mit Hilfe von Marinesoldaten niedergeschlagen wurde. Unter den rebellierenden Jugendlichen, die als Strafe teilweise KZ-Kleidung tragen mussten, war auch der spätere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock...
Die in Haus 1 und 2 untergebrachten 80 Heimzöglinge zündeten Matratzen und Kleidungsstücke an, rissen sanitäre Anlagen aus den Wänden, zertrümmerten Fenster wie Möbel und attackierten das Heimpersonal. Einer der Rebellierenden war der damals 17-jährige Peter-Jürgen Boock, der nach der Heimrevolte in das hessische Jugendhaus von Rengshausen verlegt wurde. Dort kam er unter anderem mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Kontakt, die sich wie Meinhof für die Interessen von Heiminsassen einsetzten, und fand kurze Zeit später Unterschlupf in deren WG, ehe er selbst zum Terroristen der zweiten Generation wurde... Dieter Hanisch: Aufstand der Heimkinder; Freitag 08.05.2009
Man darf es wohl bemerkenswert nennen, dass man das, was heute aufgearbeitet wird, schon 1970 wissen konnte - wenn man denn wissen wollte. Aber man tue bitte nicht so, als hätte man nicht wissen können!!
Dabei bleibe ich. Im Übrigen gespannt, ob meine Lieblings-HAZ anlässlich der akutellen Veröffentlichungen sich der Geschichte des Birkenhofs annimmt.
Spuren gibt es:
- Die Homepage ehemaliger Heimmädchen des Birkenhof- Hannover, dort auch Birkenhof- Lebenserfahrung von Continua. Ein berüherender Bericht einer zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 61jähigen Frau, der endet mit den Worten: Und: wird es uns jemals gelingen, die Scham, das Schuldgefühl, den Schrecken aus unserem Leben zu verbannen?
Die ... Kritik richtet sich gegen die „unhaltbaren und menschenunwürdigen“ Zustände in dem geschlossenen Heim....
Hannovers Regierungspräsident ließ die Vorwürfe untersuchen. Das Ergebnis: Das Wohl der im „Birkenhof“ befindlichen Mädchen sei nicht gefährdet. „Für besondere aufsichtsbehördliche Maßnahmen besteht daher keine Veranlassung.“ ...
Begründet wird die absolute Autorität in einer solchen Anstalt häufig durch die Eltern. Zwei Drittel der Birkenhof-Mädchen wurden von der Familie hierhergeschickt, auf Grund eines Antrags auf „Erziehungshilfe“. Vier Monate müssen sie mindestens bleiben, bei vielen wird ein Jahr daraus. Während dieser Zeit können die Zöglinge in einer heimeigenen Schule die achte und neunte Klasse besuchen. Dazu erwerben sie ein paar hauswirtschaftliche Kenntnisse. In den Werkstätten und der Wäscherei des Kirchröder Heims sammeln sie ein bißchen Berufserfahrung – eine mangelhafte Ausbildung. Der Weg in ein zufriedenstellendes Leben, darauf weist die Heiminitiative hin, kann in diesem „Birkenhof“ nicht beginnen. Eine hannoversche Anzeigenpostille ließ sich denn auch als Titel einfallen, was die Öffentlichkeit den Mädchen vom „Birkenhof“ unkritisch unterstellt: am Ende bleibt nur der Strich“. ...
- Bambule (Wikipedia) ist ein deutsches Fernsehspiel des Südwestfunks aus dem Jahr 1970; Regie führte Eberhard Itzenplitz, das Drehbuch stammt von Ulrike Meinhof. Die Ausstrahlung des Films war für den 24. Mai 1970 in der ARD geplant, wurde wegen der Beteiligung der Drehbuchautorin Ulrike Meinhof an der Befreiung von Andreas Baader am 14. Mai aber abgesetzt.
Erst ab 1994 wurde der Film in den dritten Programmen der ARD gezeigt. Film und Drehbuch sind die authentische Wiedergabe der Zustände, die sie in ihren Reportagen über Heimerziehung beschrieben hat und heute wichtige Dokumente für die Beurteilung der Erziehungspraxis in Einrichtungen der Jugendhilfe der 1940er bis 1970er Jahre.
Ein Flugzeug wurde entführt, 164 Menschen sind an Bord. Darf man sie opfern, um einen Anschlag auf ein Fußballstadion mit 70.000 Besuchern zu verhindern? Darum geht es um 20.15 Uhr im ARD-Film "Terror". Die Zuschauer sollen ein Urteil fällen.
Thomas Fischer: Die lieben Zuschauer werden nach Strich und Faden verarscht, und zwar sowohl vom rechtsgelehrten Autor als auch vom quotengeilen Sender. Ihnen werden Belehrungen über die Rechtslage zuteil, die hinten und vorne falsch sind und die entscheidende Fragestellung gar nicht enthalten. Auf dieser Bananen-Ebene dürfen sie dann "abstimmen" und "über das Schicksal eines Menschen entscheiden". Eine Kunst, die aus Lüge, Denkfaulheit und Inkompetenz besteht, ist nicht mehr als die Imitation ihrer selbst. Siehe unten!
§ 14 Abs. 3 Luftsicherheitsgesetz (LuftSiG), der die Streitkräfte ermächtigt, Luftfahrzeuge, die als Tatwaffe gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden sollen, abzuschießen, ist mit dem Grundgesetz unvereinbar und nichtig. Dies entschied der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts mit Urteil vom 15. Februar 2006. Für die Regelung fehle es bereits an einer Gesetzgebungsbefugnis des Bundes. Art. 35 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 Satz 1 GG, der den Einsatz der Streitkräfte bei der Bekämpfung von Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen regelt, erlaube dem Bund nicht einen Einsatz der Streitkräfte mit spezifisch militärischen Waffen. Darüber hinaus sei § 14 Abs. 3 LuftSiG mit dem Grundrecht auf Leben und mit der Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes nicht vereinbar, soweit von dem Einsatz der Waffengewalt tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betroffen werden. Diese würden dadurch, dass der Staat ihre Tötung als Mittel zur Rettung anderer benutzt, als bloße Objekte behandelt; ihnen werde dadurch der Wert abgesprochen, der dem Menschen um seiner selbst willen zukommt.
Damit war die Verfassungsbeschwerde von vier Rechtsanwälten*, einem Patentanwalt und einem Flugkapitän, die sich unmittelbar gegen § 14 Abs. 3 LuftSiG gewandt hatten, erfolgreich (zum Sachverhalt vgl. Pressemitteilung Nr. 101/2005 vom 17. Oktober 2005).
* Zu den Rechtsanwälten gehörten Gerhart Baum, Bundesinnenminister unter Helmut Schmidt, und Burkhard Hirsch, von 1994 bis 1998 Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Im Gespräch mit der FAZ (01.08.2016) legen die beiden dar, warum sie Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Terror" (heute Abend in der ARD), das Stück für gefährlich halten. Auszug:
Wir haben uns gefragt, worüber das Publikum letztlich abstimmt: über den konkreten Fall des Piloten, über Ihre Verfassungsbeschwerde, über die Menschenwürde?
G.B.: Das ist in der Tat das Dilemma, in das der Autor die Besucher bei der Abstimmung bringt. Natürlich kann man dem Piloten schuldmindernde Gründe zurechnen, ohne die Menschenwürde in Frage zu stellen. Aber bei Schirach muss man sich für den Piloten oder für die Verfassung entscheiden.
B.H.: Herr Baum, dann müssen Sie den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung und auch Wolfgang Schäuble erwähnen.
G.B.: Nach dem Urteil, das wir in Karlsruhe erstritten haben, verkündeten die beiden öffentlich: Wenn es zu einem solchen Entführungsfall käme, sie würden trotzdem abschießen.
Wie haben Sie darauf reagiert?
G.B.: Wir haben überlegt, deswegen vor Gericht zu gehen.
B.H.: Das Parlament hätte die Minister dafür zurechtweisen müssen. Sie hatten angekündigt, gegen einen elementaren Verfassungsgrundsatz zu verstoßen.
Und?
B.H.: Hat es aber nicht. Schäuble und Jung vermittelten so den Eindruck, der Staat würde hilflos, wenn er die Verfassung anwendet. Das ist das Problem. Die Bundesrepublik hat sogar völkerrechtlich anerkannt, dass der Abschuss eines Passagierflugzeugs ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, und sich verpflichtet, Terroristen nicht als Soldaten in einem Krieg zu behandeln, sondern als Verbrecher. Ich wehre mich leidenschaftlich gegen die ständigen Versuche, zu insinuieren, es handele sich in Wirklichkeit um einen kriegsähnlichen Zustand, in dem wir uns befinden. ...
Dass sehe ich auch so: Der Film regt dazu an, das Verfassungsgericht zu enteiern und akutell virulente Affekte zu befeuern.
Ich schließe mich Fefe an:
Die ARD führt Mobdemokratie a la Hunger Games ein. Es geht um den Umsturz von Humanismus und universellen Menschenrechten und einen Angriff auf das Bundesverfassungsgericht und sein Urteil zu Schäubles Flugzeugabschussparolen vor ein paar Jahren. Ein Film mit einem fiktiven Szenario wird gezeigt, mit dem hundertfach von nationalkonservativen Sicherheitshetzern benutzten Szenario, dass man durch das Folter von einem Mann hunderte an Menschenleben retten könnte, also lass uns doch mal eine Ausnahme machen. Ein bisschen abgewandelt hier, nämlich ein entführtes Flugzeug rast auf die Allianz-Arena zu, und wenn wir doch nur die paar Menschenleben an Bord des Flugzeugs opfern, denn die werden ja eh sterben!1!!, dann können wir zehntausende in der Allianz-Arena retten!!!
In dem Film schießt ein patriotischer Bundeswehrsoldatenheld das Flugzeug ab, rettet damit MILLIONEN, und dann kommt der fiese, feige, liberale Verräterstaat und dolcht ihm in den Rücken, stellt ihn vor Gericht. Der Richter in der Verhandlung ist das Fernsehpublikum, das kann dann im Internet abstimmen, ob er nicht doch freigesprochen werden soll. Wie in Hunger Games!
Auf dem Weg sind denen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wohl ein bisschen die Details durcheinandergeraten, wofür wir das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eigentlich haben.
Laut Statistik haben zusammengerechnet 59,4 Prozent der Zuschauer bislang (also in den Theateraufführungen seit der Premiere im letzten Herbst) für Freispruch plädiert. Der Pilot wurde in 93,9 Prozent aller verkündeten Urteile freigesprochen (und es ist zu vermuten, dass das heute ähnlich ausgeht). Woran das liegt?
Vermutlich an der Verwechslung von Karte und Gebiet, Inszenierung und Realität.
Terror ist ein Theaterstück, das, soviel muss man wohl vorausschicken, mit Terror denkbar wenig zu tun hat. Der Titel ist vielmehr ein heiserer, populistischer Schrei nach Aufmerksamkeit. Das in dem Stück behandelte Rechtsproblem kann man am Beispiel eines "Terror"-Anschlags genauso gut oder schlecht verdeutlichen wie an zahlreichen anderen fiktiven – oder sogar historisch bewiesenen – Sachverhalten. Der Einstieg über den Begriff des "Terrors", verbunden mit einer naturalistisch imitierten Gerichtsverhandlung mit Anklage, Beweiserhebung, Urteil und vor allem der Aufforderung an den Zuschauer, an letzterem aktiv – als eine Art Geschworener, durch "Entscheidung über das Schicksal eines Menschen" – mitzuwirken (!), ist eine unverschämte, schwer erträgliche Manipulation der Öffentlichkeit im Namen eines quasistaatlichen Anliegens, ohne dem auch nur die mindesten staatlichen Garantien an Wahrhaftigkeit und Unvoreingenommenheit zugrunde zu legen. Das ist ein starkes Stück...
Die Lösung des Falles aber, und die "Gerechtigkeit" gegenüber dem fiktiven Angeklagten, liegt auf einer ganz anderen Ebene, nämlich derjenigen der persönlichen Zumutbarkeit. Über diese Frage muss von Strafgerichten entschieden werden; sie stellte sich dem Bundesverfassungsgericht gar nicht.
Theaterstück und Film unterschlagen diesen – entscheidenden! – Unterschied nicht nur, sondern leugnen ihn obendrein ausdrücklich: "Der Richter" (Vorsitzender) belehrt den Angeklagten nachdrücklich, auf seine "innere Sicht", seine subjektiven Meinungen und Motive komme es im Strafverfahren überhaupt nicht an; hier gehe es "allein um die Feststellung der Tatsachen". Dieses ist eklatant falsch und geradezu die Umkehrung des rechtsstaatlichen Ansatzes. Es ist komplett falsch, wenn Schirach durch Weglassen suggeriert, für die Entscheidungen zwischen Rechtmäßigkeit und "Gewissen" halte das Recht keinerlei Maßstäbe bereit. Die Zuschauer werden durch diesen Unsinn gezielt und von vornherein desinformiert und auf eine Fährte gelockt, die es dem Autor zuletzt gestattet, seine alberne "Abstimmungs"-Dramaturgie durchzuführen. Das ist schäbig.
Die Unterscheidung zwischen Rechtswidrigkeit/Rechtmäßigkeit einerseits und Schuld/Unschuld andererseits ist eine der grundlegenden Errungenschaften unserer Rechtskultur. Für das deutsche Strafrecht bildet sie eine unabdingbare Grundlage für die Entscheidung jedes Einzelfalls. Ein Strafprozess, in dem der Vorsitzende sich die Information über die persönlichen Motive und Sichtweisen des Beschuldigten verbittet, wäre eine Farce.
Weil das Stück von Schirach die Unterscheidung zwischen Unrecht und Schuld fast vollständig unterschlägt, unterschlägt es auch die Tatsache, dass die Lösung des Dilemmas keineswegs nur "jenseits des Rechts", also irgendwo im Reich der höchstpersönlichen, beliebig "abstimmbaren" Moral gefunden werden kann, sondern dass es gerade das Recht ist (und sein muss), das sich die am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken zu solchen Problemen gemacht hat.... Lesen!
Ja, es hat Spaß gemacht zu entscheiden. Und man war nicht allein. Gut 600 000 Deutsche haben nach dem TV-Experiment „Terror“ darüber abgestimmt, ob ein Bundeswehrpilot freigesprochen wird, der ein entführtes Flugzeug abgeschossen hat, um ein Inferno in einem Fußballstadion zu verhindern. Der Mann darf weiterfliegen, weil die große Mehrheit das so will. Was ist das nun: Ein besonders weises Urteil, weil so viele Richter entschieden haben? Eine Entscheidung mit Gewicht, weil sie demokratisch ist und dem gesunden Menschenverstand entspricht?
Es ist ein Fernsehspiel im besten Sinne. Und wie bei jedem Spiel muss man wissen, wann es zu Ende ist und wann wieder der Ernst beginnt. Oberste Spaßbremse war gestern der prominente Bundesrichter Thomas Fischer. Er will nichts wissen von einer „gefühlten Gerechtigkeit“, die auf einem „Spontan-Rülpser des Volkskörpers“ fußt ...
Sein Kollege Imre Grimm, einer der 3-4 ernstzunehmenden Journalisten der HAZ, stellt auf der Medienseite immerhin die Kontroverse einigermaßen korrekt dar und kommt zu dem Schluss:
Allein die Tatsache, dass sich sieben Millionen Menschen mit den Graubereichen des Rechts beschäftigen, ist ein öffentlich-rechtlicher Erfolg. Die Frage, ob sieben Millionen Richter besser sind als einer, ist freilich beantwortet. Nein, sie sind es nicht.
... Schirach und die ARD haben der bloßen Spannung wegen die Zuschauer genarrt, sie haben sie zu einer Entscheidung genötigt, die es in Wahrheit so nicht gibt. Sie haben so getan, als müsse man das Recht verraten, um ihm Genüge zu tun: Sie haben dem Zuschauer verschwiegen, dass das Recht einen Täter schuldig sprechen und ihn trotzdem milde oder gar nicht bestrafen kann.
Auf diese Weise könnte die Straftat zwar als Straftat bezeichnet, aber die tragische Situation des Täters berücksichtigt werden. Vom übergesetzlichen Notstand war im Film zwar dauernd die Rede, aber die Möglichkeiten, die das Recht in so einem Fall gibt, wurden nicht berücksichtigt.
Schirach und die ARD haben ihre Zuschauer auf diese Weise verleitet, das wichtigste Rechtsprinzip, die Menschenwürde, zu verraten. Schirach und die ARD haben dem Vorurteil Vorschub geleistet, dass man den Terror nur am Recht und seinen Kernprinzipien vorbei bekämpfen, aber dann die extralegalen Mittel per Urteil zum Recht erklären könne.
Das ist nicht Rechtserziehung, das ist Erziehung zum Rechtsmissbrauch. Das ist Anleitung zu einem Denken, wonach man das Recht gegen den Terror nur mit Unrecht bekämpfen könne. Mit der Methode Schirach & ARD kann man auch Waterboarding zu einer notwendigen, schuld- und straflosen Terrorbekämpfungs-Handlung machen....
- der Preis für »antikommunistischen Realismuskitsch« (»konkret«) - fand ich heute Hinter den Schlagzeilen.
[Der Preis, den immer die Falschen bekommen, sagt natürlich wenig über literarische Größe, sondern mehr über den politischen Formwillen der skandinavischen Sozialdemokratie. Diese will zwanghaft nett sein, fürchtet sich aber vor tiefgreifendem Wandel. Die Weltsicht, derer sich mit den Nobelpreisen versichert werden soll, predigt: Was wir (in der »westlichen Welt«) haben, ist so schlecht nicht, deswegen sollten wir es nicht gefährden oder gefährden lassen. Folglich gingen die Ehrungen der letzten Jahre immer an Persönlichkeiten, die sich an einem – aus Sicht der Sozialdemokratie Skandinaviens – richtigen Kampf verschrieben haben. Literarische Fähigkeiten waren hier erkennbar zweitrangig. Dieser Kampf fürs Gute ist einer in Maßen. Unterdrückung, Diskriminierung und Unrecht darf scharf angeprangert werden, insofern es als systemfremd klassifiziert werden kann. Die Frage aber, ob Fortschritt, Industrialisierung, Kapitalismus und dergleichen nicht längst schon einen Weg eingeschlagen haben, der kein Morgen mehr kennt, interessiert die Verwalter des Vermögens eines Sprengstofferfinders nicht.]
Andererseits ist es im Grunde nie falsch, Bob Dylan einen Preis zu verleihen, und dafür, was er in den 1960ern gemacht hat, auch sicherlich wohlverdient. Dylans durchaus auch literarisch zu nennende Größe soll anhand der Ballade »The Death of Emmet Till« kurz angerissen werden. Emmet Till war ein afro-amerikanischer Teenager aus Chicago, der, wie es William Faulkner ausdrückte, den tödlichen Fehler beging, keine Angst vor den Weißen in den Südstaaten zu zeigen, was diese nicht dulden konnten. Im festen Glauben daran, dass alle Menschen von Gott gleich geschaffen waren und keiner den anderen zu fürchten brauchte, wurde er von den Rassisten Roy Bryant und J. W. Milam zu Tode gefoltert. Dylan errichtete Till ein eindrucksvolles Denkmal. Es ist realistisch, es mag ein wenig kitschig sein, aber es zeigt, welche Wucht in dieser Kunstgattung steckt und in welche Höhen sie von Dylan getrieben wurde. Der Sänger vereint mit der Beschreibung der Passion des Opfers tiefe Anteilnahme mit wütender Anklage. Sein Werk verbindet die Hörerinnen und Hörer dadurch zugleich mit einem lediglich erzählten Geschehen, das seine Tragik gerade darin hat, dass die Stimme, die verzweifelten Schreie Emmet Tills, ungehört blieben.
Lynchmord kommt nach 50 Jahren vor Gericht - Ihr Urteil
Demnächst in der ARD unter dem Titel "Sexuelle Belästigung - Ihr Urteil"
Ich bin nicht sicher, ob nicht Roy Bryant und J. W. Milam wieder freigesprochen würden ...
Der Beitrag wäre für die Tonne ohne Chuck himself:
Well here's one of the greatest Rock n' Roll tunes ever written. Originally released in 1958 and then re-released on Chuck's 1962 album 'Twist', Johnny B. Goode arguably in itself upped the level for Rock music and solidified Chuck Berry's status as a pioneer. Keith Richards later said that Chuck succeeded in releasing effectively the same song over and over again after this one -- but the question must be posed, when it's this great why not?
You may not be ready for this yet, but your kids are gonna love it.
Als er zu einem Auftritt in den Südstaaten erschien, wurde Chuck Berry abgewiesen: ein Schwarzer, der über einen strammen Hillbilly sang? Nicht im Reich der Konföderiertenflagge, nicht dort, wo 1958 noch immer der Ku-Klux-Klan mitregierte.
Selbst im Jahr 1985 noch wurde Berry von den Weißen enteignet: Da spielte Michael J. Fox in "Zurück in die Zukunft" die Riffs von "Johnny B. Goode" und beeindruckt seine schwarzen Begleitmusiker damit so sehr, dass einer von ihnen seinen "Vetter" Chuck anruft, um ihn auf diesen "neuen Sound" hinzuweisen.
Was immer Musikologen vom Einfluss englischer Balladen und afrikanischer Gesänge erzählen, von Bill Haley und Elvis raunen, von Jazz und Blues und sonst frommem Sang, es war Chuck Berry, der den Rock 'n' Roll in diese irdische Welt brachte und sie mit einem Schlag verzauberte. (s.o. Winkler)
Zur neueren Enteignungsdebatte anlässlich des angekündigten Stones-Albums Blue & Lonesome: The Original Artists:
Auto-Zeitungen beim Frisör oder im Wartezimmer zu lesen ist so ähnlich wie dort in der Bunten oder anderen yellow-press-Erzeugnisssen zu blättern. Das ist normal. Wenn man damit beim Frühstück von der heimischen Tageszeitung belästigt wird, ist das ärgerlich. Meine Lieblings-HAZ neigt dazu in der wochenendlichen Auto-Seite Fahrzeuge vorzustellen, die für 99% der Leser unerschwinglich sein dürften und das in einer Sprache, die pornografisch zu nennen noch freundlich wäre:
Zum Preis von 179 000 Euro bietet Audi den R8 als Spyder V10 an. Das sind 13 000 Euro mehr als für das Coupé. Die Mehrinvestition dürfte sich lohnen, denn den markerschütternden Klang des 540 PS starken V10-Motors kann man im Offen-Modus völlig ungefiltert genießen – auch jenseits von 300 km/h...
Klar, dass Audis Supersportler auch als Frischluft-Ausgabe nicht an der 250er-Leine hängt und die 300-km/h-Schwelle ziemlich unbeeindruckt durchbricht. Der Sprint auf Landstraßentempo ist unter anderem dank Allradantrieb in weniger als vier Sekunden abgehandelt. Der Oberbayer kann auch quer, und zwar so rasant, dass das Technik-Team dem Athleten eine Trockensumpf-Schmierung spendierte, um den Ölfilm auch dann sicherzustellen, wenn der Fahrgast mit Wucht gegen die Tür-Innenverkleidung gepresst wird...
Wer den V10 noch etwas schärfer schnauben hören möchte, muss einfach nur die Auspufftaste (1900 Euro) betätigen, und schon sprotzelt es bei jedem Gasstoß markerschütternd – Potenzial, um den Nachbarn zu ärgern, ist jedenfalls hinreichend vorhanden...
Ein PATRICK BROICH mit Phrasenauswurf und Wortkotze, syntaktisch hemmungslos und mit schwach verankerten Sinngeländern.
Das musste ich denn doch noch loswerden. Hat mich das ganze Wochenende geplagt.
Vgl. auch Widersprüche des Systems : Die Krise der Automobilindustrie
"Es gibt so viele Arschloch-Typen wie es menschliche Funktionen, Tätigkeiten und Interessengebiete gibt. Und auf jedem Gebiet kann das Verhältnis von AQ zu IQ ein anderes sein. Kein noch so kopfdenkerisches Verhalten bei einem Thema bietet Gewähr dafür, dass nicht schon beim nächsten der Arschdenk mit voller Wucht einsetzt."
Charles Lewinsky, Der A-Quotient
Wise Man Says II
"The illusion of freedom will continue as long as it's profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way and you will see the brick wall at the back of the theater."
Frank Zappa
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