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Der bewachte Kriegsschauplatz

Im nächsten letzten Krieg wird das ja anders sein ... Aber der vorige Kriegsschauplatz war polizeilich abgesperrt, das vergißt man so häufig. Nämlich:

Hinter dem Gewirr der Ackergräben, in denen die Arbeiter und Angestellten sich abschossen, während ihre Chefs daran gut verdienten, stand und ritt ununterbrochen, auf allen Kriegsschauplätzen, eine Kette von Feldgendarmen. Sehr beliebt sind die Herren nicht gewesen; vorn waren sie nicht zu sehen, und hinten taten sie sich dicke. Der Soldat mochte sie nicht; sie erinnerten ihn an jenen bürgerlichen Drill, den er in falscher Hoffnung gegen den militärischen eingetauscht hatte.

Die Feldgendarmen sperrten den Kriegsschauplatz nicht nur von hinten nach vorn ab, das wäre ja noch verständlich gewesen; sie paßten keineswegs nur auf, daß niemand von den Zivilisten in einen Tod lief, der nicht für sie bestimmt war. Der Kriegsschauplatz war auch von vorn nach hinten abgesperrt.

"Von welchem Truppenteil sind Sie?" fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stieß, der versprengt war. "Sie", sagte er. Sonst war der Soldat ›du‹ und in der Menge ›ihr‹ – hier aber verwandelte er sich plötzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der bürgerlichen Obrigkeit untertan war. Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde.

Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der französischen Fremdenlegion, gut und gern einen ganzen Verlag ernähren könnte. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.

So kämpften sie.

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.

Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges "das Feld der Unehre" genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV. nach, der den Krieg "ein entehrendes Gemetzel" genannt hat und das mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.

Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.


Ignaz Wrobel
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 04.08.1931, Nr. 31, S. 191.
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Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Die Abstiegsangst hat die Mittelschicht gepackt - mit gefährlichen Folgen für das soziale Klima / Von Wilhelm Heitmeyer und Sandra Hüpping - heute in der sz:

Die aktuelle Debatte um die "Unterschicht" und ihre besondere Ausprägung in Ostdeutschland ist nicht in der Lage, die seit längerem existierenden Verschiebungen und ihre Ursachen angemessen aufzunehmen. Sie müsste sich vielmehr darauf konzentrieren, dass ein globalisierter und härter gewordener Kapitalismus keine soziale Integration erzeugt und nationalstaatliche Politik offensichtlich einen Kontrollverlust hinnehmen muss, also entweder nicht bereit oder nicht in der Lage ist, dagegen zu steuern.

Heitmeyers Forschungsprojekt wird hier vorgestellt: Die (Langzeit-) Untersuchung des sozialen Klimas erfasst sehr viel genauer die Dimensionen der sozialen Desintegration als das Unterschichten-Gerede ...:
(aus der Einleitung)

Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethik-debatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit schwachen Gruppen. Der kann sich in vielen Facetten ausdrücken:

Ökonomische Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen aus dem öffentlichen „Verkaufsraum“, Generalverdächtigungen gegenüber Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen sind nur einige Varianten. Zum Teil werden Gruppen gegen andere instrumen-talisiert oder als Bedrohungspotential auf die öffentliche Tagesord-nung gehoben. Eine andere Variante ist, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren, sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu vergessen; mithin sie nicht anzuerkennen, um nicht über Verbesserungen ihrer Lage nachdenken zu müssen. abbildung1Klammheimlich kann dazu auch die „Schuldumkehr“ eingesetzt werden, womit die Ursachen für Abwertungen – quasi gesellschaftsentlastend – den Gruppen selbst zugeschrieben werden.

Ein zentrales Problem unserer Gesellschaft steht hinter allen diesen Erscheinungsweisen, Instrumentalisierungen und Entwicklungen: Die Aufrechterhaltung oder gar Verstärkung der Ungleichwertigkeit von Gruppen und ihrer Mitglieder sowie die Auflösung von Grenzen zur Sicherung ihrer physischen und psychischen Integrität, die ihnen ein Leben in Anerkennung und möglichst frei von Angst ermöglichen.

Daher geht es immer wieder um die Frage, wie Menschen unterschied-licher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft mit ihren verschie-denen Lebensstilen in dieser Gesellschaft leben, Anerkennung erfahren oder aber sich feindseligen Mentalitäten ausgesetzt sehen.

Dabei sind wir mit einer bemerkenswerten Ungleichzeitigkeit konfron-tiert. Auf der einen Seite werden von der Politik durchaus Anstrengun-gen etwa zur rechtlichen Gleichstellung bzw. Anti-Diskriminierung unternommen. Auf der anderen Seite sind deren Effekte offenkundig nicht hinreichend für eine deutliche Veränderung von Einstellungen in der Bevölkerung und für ein besseres Zusammenleben von Gruppen.

Vor diesem Hintergrund sind für die Bundesrepublik vier zentrale Fragen ständig wieder neu zu klären:

* In welchem Ausmaß wird die Würde zahlenmäßig schwacher bzw. sog. beschwerdearmer Gruppen angetastet durch abwertende, ausgrenzende Einstellungen und diskriminierendes Verhalten anderer Personen?
* Welche Erklärungen sind dafür zu finden, dass sich menschenfeindliche Mentalitäten in dieser Gesellschaft hartnäckig halten bzw. ausbreiten?
* Wo werden Veränderungen in den Ausmaßen und Zusammenhängen im Zeitverlauf erkennbar?


Update Dezember 2009:
Die aktuelle Heitmeyer-Studie zeigt: Ressentiments gegen Frauen, Muslime oder Behinderte gehen zurück. Antisemitismus und Homophobie nehmen hingegen zu.... Deutsche Zustände in Zeiten der Krise

Nachtrag:
H.J.Krysmanski
Entwicklung und Stand der klassentheoretischen Diskussion

Auf dem Weg in eine inhumane Gesellschaft

Die Abstiegsangst hat die Mittelschicht gepackt - mit gefährlichen Folgen für das soziale Klima / Von Wilhelm Heitmeyer und Sandra Hüpping

Erfahrungen der Ausgrenzung in der Gesellschaft nehmen seit Jahren zu, mit negativen Folgen für das soziale Klima, vor allem aber mit schlimmen Konsequenzen für sozial schwache Gruppen, Ausländer oder Obdachlose. Dies zeigt die Bielefelder Langzeitstudie, die seit Jahren den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und individuellen Ängsten der Desintegration untersucht, ausgehend von der Überzeugung, dass man langfristige Prozesse beobachten muss, nicht "einmalige" Momentaufnahmen. Dies gilt insbesondere für Zeiten sowohl schnellen als auch rabiaten Wandels. Momentaufnahmen - wie die jetzt plötzlich aufflackernde Debatte um "Unterschicht" - spielen trügerische Gewissheiten vor. Wie zeigen sich die Ergebnisse im Einzelnen?
Das Ende der bundesdeutschen Erfolgsgeschichte lässt sich vielfach belegen, am deutlichsten durch die Entwicklung der monatlichen Nettoeinkommen der privaten Haushalte. Zwischen 1993 und 2004 hat sich das Nettovermögen des reichsten Viertels in Westdeutschland um knapp 28 Prozent erhöht. Im ärmsten Viertel zeigt sich hingegen im selben Zeitraum ein dramatischer Rückgang von 50 Prozent. In Ostdeutschland hat das Einkommen im reichsten Viertel um fast 86 Prozent zugenommen, allerdings auf niedrigerem Niveau als im Westen, während das Einkommen im ärmsten Viertel um knapp 21 Prozent abnahm. Der aktuelle Datenreport des Statistischen Bundesamtes bescheinigt diesem Trend ein stabil hohes Niveau.

Weniger Freunde . . .
Bedenkt man, dass über das Einkommen nicht nur eine materielle, sondern auch die kulturelle Teilhabe bestimmt wird, ist es um den gesellschaftlichen Integrationsgrad schlecht bestellt. Wachsende Arbeitslosigkeit, die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der gewaltige Umbau des sozialstaatlichen Apparats scheinen eine gefährliche Trendwende einzuleiten, die, so zeigen unsere Daten, sich auch in den Wahrnehmungen niederschlagen.
Waren bereits im Jahre 2002 etwa 77 Prozent der Befragten der Ansicht, dass immer mehr Menschen an den Rand gedrängt werden, hat sich die Zahl der Zustimmenden für das Jahr 2005 nochmals auf 86 Prozent erhöht. Nur rund 17 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass es in dieser Gesellschaft noch einen großen Zusammenhalt gäbe.
Analog dazu schätzen die Menschen die Entwicklung ihrer eigenen Position in dieser Gesellschaft zusehends negativ ein. Der Anteil der Befragten, die befürchten, dass sich ihre eigene wirtschaftliche Situation in den kommenden Jahren verschlechtern wird, ist von 24 Prozent der Befragten im Jahr 2002 auf 38 Prozent angestiegen. Ähnlich verläuft die Angst vor Arbeitslosigkeit. Von 2002 auf 2005 ist der Anteil derjenigen, die große oder sehr große Angst vor Arbeitslosigkeit verspüren, um acht auf 29 Prozent gestiegen.
Forciert werden diese Ängste wohl durch die Einführung von Hartz IV. So berichten mehr als 51 Prozent der Befragten im Jahr 2005, dass sie seitdem mehr Angst vor einem sozialen Abstieg haben. Parallel dazu wächst das Gefühl der Ohnmacht. Sind es 2002 rund 57 Prozent der Befragten, die der Ansicht sind, keinen Einfluss darauf zu haben, was die Regierung tut, steigt der Anteil 2005 um fast zehn Prozent auf mehr als 66 Prozent, was zugleich einen starken Vertrauensverlust in das politische System markiert. Und selbst im sozialen Nahbereich fühlen sich die Menschen weniger aufgehoben. So vertreten seit 2002 konstant etwa 40 Prozent die Ansicht, dass es immer schwieriger werde, echte Freunde zu finden.
Die Ergebnisse zeigen also ein Konglomerat aus Angst, Unsicherheit und Machtlosigkeit, das von wachsender Orientierungslosigkeit begleitet wird. Für viele scheint eine gesellschaftliche Ordnung verloren, der Handlungsspielraum unübersichtlicher, die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erhöht. In nur drei Jahren hat sich der Anteil der Befragten, die der Ansicht sind, dass "früher alles besser war, weil man wusste, was man zu tun hatte", um 17 Prozent auf knapp 63 Prozent erhöht.

. . . weniger Einfluss . . .
Das Gefühl von Desintegration bezieht sich damit nicht nur auf materielle Aspekte. Es lässt sich in mehreren gesellschaftlichen Teilbereichen aufspüren und signalisiert, dass die überlebenswichtigen Anerkennungschancen knapper geworden sind. Aber wie verhalten sie sich zu anderen sozialen und ökonomischen Indikatoren?
In unserer Langzeitstudie ermitteln wir die soziale Lage über die Indikatoren Bildung, Einkommen und Berufsstatus. Die erste Gruppe umfasst ein Fünftel der Personen in oberer Soziallage. Drei Fünftel stellen die Gruppe der sozialen Mitte dar. Das letzte Fünftel der Personen befindet sich in unterer Soziallage.
Die Ergebnisse zeigen, dass Desintegrationsängste in der Bevölkerung weit gestreut sind und sich keinesfalls nur auf Personen der unteren Lage beschränken: Sie werden im Laufe der Jahre auch zunehmend von Befragten aus der sozialen Mitte geäußert. Objektive Indikatoren spiegeln damit nur teilweise die Ängste und Wahrnehmungen wieder. Ein wachsender Teil der Bevölkerung stuft die eigene Position am Arbeitsmarkt als prekär ein. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen in unteren sozialen Lagen, aber auch 40 Prozent der Befragten in mittleren Soziallagen und sogar ein Viertel in gehobener Position äußern große oder sehr große Angst vor Arbeitslosigkeit. Obwohl Personen aus der unteren sozialen Lage deutlich öfter von Arbeitslosigkeit betroffen sind, kann die Erfahrung allein nicht maßgeblich für ihre Ängste sein. Die Sorgen speisen sich vielmehr aus den vielschichtigen gesellschaftlichen Negativentwicklungen, die nicht zuletzt mit der massiven Umstrukturierung sozialstaatlicher Sicherungssysteme in Zusammenhang stehen.

Mehr als 65 Prozent der Personen aus unterer, knapp 50 Prozent der Personen aus mittlerer und mehr als ein Drittel der Personen in gehobener Lage konstatieren eine erhöhte Angst vor dem sozialen Abstieg seit der Einführung von Hartz IV. Bezogen auf die weiteren Desintegrationsängste zeigt sich, dass eine höhere soziale Position zwar eine Pufferwirkung bedeutet, gänzlich abgeschirmt bleibt aber auch sie nicht mehr. Gerade in den mittleren sozialen Lagen zeichnen sich zunehmende Ausgrenzungsängste ab. Das typische "Aufstiegsprojekt" lässt sich vielfach nicht mehr verwirklichen, und gleichzeitig gibt es viel schnell zu verlieren. Entsprechend fallen die Zukunftserwartungen aus: Mehr als die Hälfte der Personen aus unterer Soziallage, aber auch 43 Prozent aus mittlerer sowie knapp ein Drittel aus gehobener Soziallage äußern negative Zukunftserwartungen.
Die Frage nach den politischen Teilhabechancen offenbart ein noch düstereres Bild: Knapp 78 Prozent der Personen aus der unteren Lage und mehr als 63 Prozent der Personen aus den mittleren Soziallagen halten sich für politisch einflusslos. Aus der gehobenen Lage äußern 45 Prozent diese Ansicht.
Am deutlichsten aber werden die Folgen gesellschaftlichen Wandels am Ausmaß der Orientierungslosigkeit. Knapp 74 Prozent der Befragten aus unterer Soziallage und 62 Prozent der Befragten aus mittlerer Soziallage finden "alles so in Unordnung geraten, dass man nicht mehr weiß, wo man eigentlich steht". Insbesondere die soziale Mitte gerät also ebenfalls zunehmend unter Druck.
Damit stellt die objektive sozioökonomische Position - lange Zeit ein Hinweis für gesellschaftliche Teilhabe - allenfalls ein grobes Maß für die Wahrnehmung der eignen Desintegration dar. Denn die Orientierungslosigkeit, so zeigen statistische Analysen, speist sich nicht nur aus der wirtschaftlichen und sozialen Lage, sondern insbesondere aus den negativen Wahrnehmungen und Einschätzungen, die nicht länger nur in den unteren Lagen vorkommen. In diesen Ängsten spiegeln sich auch die Reaktionen auf wachsende Anforderungen, abnehmende Handlungssicherheiten sowie zunehmende Erfahrungsverluste.

Die aktuelle Debatte um die "Unterschicht" und ihre besondere Ausprägung in Ostdeutschland ist nicht in der Lage, die seit längerem existierenden Verschiebungen und ihre Ursachen angemessen aufzunehmen. Sie müsste sich vielmehr darauf konzentrieren, dass ein globalisierter und härter gewordener Kapitalismus keine soziale Integration erzeugt und nationalstaatliche Politik offensichtlich einen Kontrollverlust hinnehmen muss, also entweder nicht bereit oder nicht in der Lage ist, dagegen zu steuern.

. . . mehr Feinde
Die beschriebenen, tiefsitzenden Desintegrationsängste besonders im Osten werden daher von enorm gestiegener Orientierungslosigkeit flankiert. Viele Menschen wissen nicht mehr, nach welchen Regeln in dieser Gesellschaft gespielt wird: Das fängt bei der schlichten Frage an, nach welcher Logik Unternehmen hohe Gewinne einstreichen, aber zugleich angeben, Tausende Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Zudem wird oft nicht zu Ende gedacht, welche Folgen aus den derzeitigen gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklungen für das politische und soziale Klima in dieser Gesellschaft entstehen und zwar jenseits von NPD-Wahlerfolgen. Diese stellen nur ein relativ kleines Problem dar verglichen mit einer weiterreichenden Tendenz zu einer inhumanen Gesellschaft. Diese zeigt sich im Umgang mit schwachen Gruppen und drückt sich beispielsweise in Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder der Abwertung von Obdachlosen aus. Die Ergebnisse aus unserer Studie zeigen, dass insbesondere fremdenfeindliche und islamophobe Einstellungen sowie die Einforderung von Etabliertenvorrechten - "Wir waren zuerst da, unsere Ansprüche sind am wichtigsten!" - in der deutschen Bevölkerung zugenommen haben.

Es ist die Kombination von Desintegrationsängsten und Orientierungslosigkeit, die die feindseligen Mentalitäten in allen sozialen Lagen - und in jüngster Zeit eben deutlicher auch in der politischen Mitte - hervorbringt und verstärkt. Wenn man die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nur mit Blick auf die typischen NPD-Wähler im Osten liest, lenkt dies von viel gewichtigeren Verschiebungen in der politischen Mitte der Bundesrepublik ab. Die Mitte trägt schließlich aufgrund ihrer Breite wesentlich zur Erzeugung von Normalitäten, also auch von feindseligen Normalitäten bei.
Es geht also um mehr als um materielle Versorgung. Die Integrationsfähigkeit dieser Gesellschaft steht für Teile der Mehrheit wie für Minderheiten schon seit längerem auf dem Spiel und damit auch die Akzeptanz demokratischer Prinzipien.
Wilhelm Heitmeyer leitet das Institut für Interdisziplinäre Konflikte und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Sandra Hüpping ist wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Ergebnisse der oben erwähnten Studie werden jedes Jahr in der Reihe "Deutsche Zustände" im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht.

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.243, Samstag, den 21. Oktober 2006 , Seite 13

Geld

Nashaupts Kommentar hat mich auf die Spur gebracht:

Die Verkehrung und Verwechslung aller menschlichen und natürlichen Qualitäten, die Verbrüderung der Unmöglichkeiten – die göttliche Kraft –des Geldes liegt in seinem Wesen als dem entfremdeten, entäußernden und sich veräußernden Gattungswesen der Menschen. Es ist das entäußerte Vermögen der Menschheit.

Was ich qua Mensch nicht vermag, was also alle meine individuellen Wesenskräfte nicht vermögen, das vermag ich durch das Geld. Das Geld macht also jede dieser Wesenskräfte zu etwas, was sie an sich nicht ist, d. h. zu ihrem Gegenteil.

Wenn ich mich nach einer Speise sehne oder den Postwagen brauchen will, weil ich nicht stark genug bin, den Weg zu Fuß zu machen, so verschafft mir das Geld die Speise und den Postwagen, d.h., es verwandelt meine Wünsche aus Wesen der Vorstellung, es übersetzt sie aus ihrem gedachten, vorgestellten, gewollten Dasein in ihr sinnliches, wirkliches Dasein, aus der Vorstellung in das Leben, aus dem vorgestellten Sein in das wirkliche Sein. Als diese Vermittlung ist das [Geld] die wahrhaft schöpferische Kraft.

Die demande [3*] existiert wohl auch für den, der kein Geld hat, aber seine demande ist ein bloßes Wesen der Vorstellung, das auf mich, auf den 3ten, <566>auf die [anderen] ||XLIII| keine Wirkung, keine Existenz hat, also für mich selbst unwirklich, gegenstandlos bleibt. Der Unterschied der effektiven, auf das Geld basierten und der effektlosen, auf mein Bedürfnis, meine Leidenschaft, meinen Wunsch etc. basierten demande ist der Unterschied zwischen Sein und Denken, zwischen der bloßen in mir existierenden Vorstellung und der Vorstellung, wie sie als wirklicher Gegenstand außer mir für mich ist.

Ich, wenn ich kein Geld zum Reisen habe, habe kein Bedürfnis, d.h. kein wirkliches und sich verwirklichendes Bedürfnis zum Reisen. Ich, wenn ich Beruf zum Studieren, aber kein Geld dazu habe, habe keinen Beruf zum Studieren, d.h. keinen wirksamen, keinen wahren Beruf. Dagegen ich, wenn ich wirklich keinen Beruf zum Studieren habe, aber den Willen und das Geld, habe einen wirksamen Beruf dazu. Das Geld – als das äußere, nicht aus dem Menschen als Menschen und nicht von der menschlichen Gesellschaft als Gesellschaft herkommende allgemeine – Mittel und Vermögen, die Vorstellung in die Wirklichkeit und die Wirklichkeit zu einer bloßen Vorstellung zu machen, verwandelt ebensosehr die wirklichen menschlichen und natürlichen Wesenskräfte in bloß abstrakte Vorstellungen und darum Unvollkommenheiten, qualvolle Hirngespinste, wie es andrerseits die wirklichen Unvollkommenheiten und Hirngespinste, die wirklich ohnmächtigen, nur in der Einbildung des Individuums existierenden Wesenskräfte desselben zu wirklichen Wesenskräften und Vermögen verwandelt. Schon dieser Bestimmung nach ist es also schon die allgemeine Verkehrung der Individualitäten, die sie in ihr Gegenteil umkehrt und ihren Eigenschaften widersprechende Eigenschaften beilegt.

Als diese verkehrende Macht erscheint es dann auch gegen das Individuum und gegen die gesellschaftlichen etc. Bande, die für sich Wesen zu sein behaupten. Es verwandelt die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, den Haß in Liebe, die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn.

Da das Geld als der existierende und sich betätigende Begriff des Wertes alle Dinge verwechselt, vertauscht, so ist es die allgemeine Verwechslung und Vertauschung aller Dinge, also die verkehrte Welt, die Verwechslung und Vertauschung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten.

Wer die Tapferkeit kaufen kann, der ist tapfer, wenn er auch feig ist. Da das Geld nicht gegen eine bestimmte Qualität, gegen ein bestimmtes Ding, menschliche Wesenskräfte, sondern gegen die ganze menschliche und <567>natürliche gegenständliche Welt sich austauscht, so tauscht es also – vom Standpunkt seines Besitzers angesehn – jede Eigenschaft gegen jede – auch ihr widersprechende Eigenschaft und Gegenstand – aus; es ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten, es zwingt das sich Widersprechende zum Kuß.

Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d. h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.

Karl Marx
Ökonomisch-philosophische Manuskripte


King Crimson - Easy Money

(Fripp/Wetton/Palmer-James)

Your admirers on the street
Gotta hoot and stamp their feet
In the heat from your physique
As you twinkle by in moccasin sneakers

And I thought my heart would break
When you doubled up at the stake
With your fingers all a-shake
You could never tell a winner from a snake

but you always make money
Easy money

With your figure and your face
Strutting out at every race
Throw a glass around the place
Show the colour of your crimson suspenders

We would take the money home
Sit around the family throne
My old dog could chew his bone
For two weeks we could appease the Almighty

Easy money

Got no truck with the la-di-da
Keep my bread in an old fruit jar
Drive you out in a motor-car
Getting fat on your lucky star just making

Easy money

Sprachproblem

Ich habe gerade bemerkt, dass auf dem Foto unten fast nur Neger (als Vertreter der Unterschicht) zu sehen sind. Das verschiebt das Problem natürlich ein wenig, m.a.W. : es würde, wenn der Betrachter es denn so sieht, soziale Konflikte zu ethnischen machen (die sie nicht sind bzw. zu denen sie in den letzten 15-20 Jahren gemacht wurden - siehe die Zerlegung Jugoslawiens).
Und wenn ich jetzt von "Negern" geredet habe, habe ich sie wahrscheinlich diskriminiert. Wenn ich African Americans geschrieben hätte, ginge es ihnen allerdings auch nicht besser.
So ähnlich ist das mit des Sozialdemokraten Leugnung der Unterschicht:

„Wenn die politische Korrektur der Sprache auf der irrigen Meinung beruht, durch bloße Namensgebung ließen sich die Verhältnisse und sogar die Gefühle der Menschen reformieren, so ist sie vermutlich Teil eines noch größeren, eines säkulären Aberglaubens: der Mensch, das Bewußtsein des Menschen sei Sprache und sonstnichts.“

Und in der Realität, d.h. an den Lebenssituationen benachteiligter Gruppen, hat sich dadurch auch nichts geändert. Eher ist die Sprache ihnen gegenüber ‚unehrlich‘geworden, da sie sie sprachlich integriert und aufwertet, aber die realen Verhältnisse verschleiert und beschönigt. Allein über die Sprache kann nach MARKOVITS an sich
nur ‚äußerlich‘ eine Integration angenommen werden.
„Schwächere Gruppen, wollen sie in dem ungleichen Gefecht mit Stärkeren überhaupt eine Chance haben, müssen sich zuerst eine Identität schaffen, innere Stärke und Sicherheit entwickeln. Ohne jegliche Form der Absonderung, der Abschottung gegenüber Mehrheiten käme ‚Integration‘ einem Verschlingen gleich, einer
demütigenden Assimilation, die in Sich-Aufgeben und völliger Niederlage münden würde.“


Früher hätte man das, was der Zitierte "schwächeren Gruppen" empfiehlt, Klassenbewusstsein genannt

Die Zitate finden sich in einem Aufsatz, den man bei google ziemlich weit oben findet, wenn man "political correctness" eingibt:
Linguistik-Server Essen
Andrea Wirthgen:
Political Correctness
Die „korrigierte“ Sprache und ihre Folgen


Als Einführung empfehlenswert.

Die andere Seite des Sprachproblems: Die Wahrnehmung, dass die verordnete Umbenennung nichts mit der Lage der Benannten zu tun hat und auch meine Wahrnehmung der Benannten nicht ändert, provoziert die - wiederum sprachliche - Rebellion gegen die Verordnung: Dann wird hemmungslos von Negern, Zecken usw. dahergeredet ...
Es spricht einiges dafür, dass das Zitat, das dem o.g. Aufsatz vorangestellt ist, etwas richtig benennt:
babel


„Solange wir nicht wissen, worin
die Probleme bestehen, solange
wir keine Analyse haben, macht es
überhaupt keinen Sinn, sie durch
die Einführung einer neuen
Sprache beseitigen zu wollen.“



- Andererseits können wir wissen, worin die Probleme bestehen und Analysen gibt es wohl auch.

Unterschichtenproblem II

gettinby
Nun haben sie (kurzfristig-in wenigen Tagen wird das kampagnenmäßig erledigt sein) ein Problem: Becks Amtsvorgänger, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, wandte am Montag ein, mit dem Wort „Unterschicht“ würden Menschen stigmatisiert. Bundesarbeitsminister Franz Müntefering bestreitet gleich alles: „Es gibt keine Schichten in Deutschland“, wandte er sich gegen den Begriff „lebensfremder Soziologen“. „Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.“ Und sein Sprecher Stefan Giffeler betonte: „Der Klassifizierung von Menschen schließen wir uns dezidiert nicht an.“
Angela Merkel wartete mit der Erkenntnis auf, das Thema „Spaltung der Gesellschaft“ hänge „ganz eng mit Familien zusammen“. Man müsse überlegen, wie die Erziehungsfähigkeit der Eltern durch den Staat gestärkt werden könnte. „Wir finden uns nicht ab damit“, versprach die Kanzlerin, „dass diese Spaltungen so existieren.“
Da ist nun die Kanzlerin heller als der Sozialdemokrat (der, wie schon bei den Heuschrecken, mal wieder gar nichts begriffen hat), wenn sie die Existenz von Spaltungen anerkennt. Sie meint das aber anders, nämlich so wie Beck: Dass die Leute selbst schuld sind. Aber glaubt die wirklich, dass die Leute ihre Kinder zu Unterschicht erziehen? (Klaus, du wirst mal Unterschicht, ne!? Keine Widerrede jetz!) Die Stärkung meiner Erziehungsfähigkeit durch den Staat stelle ich mir auch nicht so angenehm vor. (Vielleicht könnte sie im Hinblick auf die niedrige Geburtenrate die Zeugungsfähigkeit durch den Staat stärken ...)
Am besten aber gefällt mir der hier:
SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner: „Wenn es um Probleme der sogenannten Unterschicht geht, müssen wir uns ehrlich machen.“
Das "sogenannte" kenn ich noch von der DDR: die gab's eigentlich auch nicht und dann wirklich nicht mehr. Da sollten sich die Unterschichten vorsehen, wenn der Brandner sich ehrlich macht.
Biochemicalslang linkt zum gleichen Problem in den USA auf die NYT:
smaller-slice


...
In the United States, this economic slice, including wages, health insurance and pension benefits, declined 2.5 percentage points from 2000 to 2005, to 56.5 percent of gross domestic product, according to the United States Bureau of Economic Analysis. ...

In Western Europe, collective bargaining has been more successful in keeping wages up. These differences affect the distribution of the workers’ share. America’s low-wage labor market is virtually nonexistent in the European Union. There is no Western European equivalent of the American earning $5.15 an hour, the federal minimum wage, on the overnight shift as a convenience store cashier. A $7-an-hour baby-sitter is nearly impossible to find in London. Over all, the wage distribution in Europe is much less polarized than it is in the United States.

BUT the institutional differences have done little to halt the slide in the share of the economy that is devoted to workers’ compensation.

Mr. Blanchard suggested that the decline in the labor share in Europe might have been prompted in the 1970’s by strong unions pushing up employee wages — which led companies to shed workers, eliminating many occupations entirely — the late-night cashier, for example — and replacing others with machines.

“The decline in the wage share is bound to level off,” said David Grubb, a labor economist at the O.E.C.D. But the question is, when will it stop falling, and how?

If historical experience in the United States serves as any guide, workers’ compensation could still fall a long way. It was a different world then, but it is worth noting that in 1929, workers had less than half of the economic pie.


Interessant ist 1., dass die Einführung von low-wage labour hier wohl nicht zu einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft führen wird (aber immerhin hat man dann statt der unemployed poor die working poor, was unter Verwertungs- und Kostengesichtspunkten und für FDP-Wähler, die sich gern den Einkauf einpacken lassen würden, sicherlich optimaler wäre - und 2., dass man nun weiß, wie weit es zurückgehen soll: 1929. Von da dann wieder vorwärts ...

Becks Unterschichtenproblem

Wenn die Politik auf "Werte" setzt, wird es in den unteren Etagen der Sozialstruktur meist ungemütlich. Denn "Werte" - also Innerliches - sind dann der Ersatz für Reales - also Äußerliches - wie soziale Leistungen. Auch die jüngste Ermahnung (1) des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, den Unterschichten fehle es an sozialen Aufstiegswillen, passt in diesen Rahmen. Nicht an realen Arbeitsplätzen und sozialen Chancen mangele es, sondern eben am "Willen".

Soziologische Anmerkungen zu Kurt Becks Unterschichtenproblem
Rudolf Stumberger bei telepolis - 12.10.2006

Stumberger schlägt vor, statt eines untauglichen Unterschichtenbegriffs (der durch Harald Schmidts Gerede vom U-Fernsehen tatsächlich endgültig erledigt sein dürfte, was er i.Ü. wissenschaftlich schon Ende der 60er gewesen sein dürfte) Castels Zonenmodell zur Beschreibung der aktuellen gesellschaftlichen Spaltungsprozesse heranzuziehen. Mit dem Ansatz kommt man offenbar zumindest zu einer realistischeren Beschreibung, was unten los ist; - Machtverhältnisse blendet er aus.

1028_6934_beitragDas andere Problem sind die sozialen Aufsteiger wie Schröder, Beck u.a., die der Macht ewig dankbar sind, dass sie was werden durften, und sich dann gern mit dem Bourgeois über den doofen Proleten lustig machen.



"Walking down the street do you stare at your feet
and never do you let your eyes meet the freaks,
The deadbeat addicts, social fanatics,
they're a dime a dozen and they carry guns
Halloween, every other day of the week
Living in a cage in the USA
Living in a cage in the USA
Holy smoke, somebody blew up the pope
Living in a cage in the USA
All around us the rules are changing
Taller walls and stronger cages
Nothing is sacred or too outrageous
Taller walls and stronger cages
What in the world is happening to the world?"
Adrian Belew
aus "Cage",
© 1994 King Crimson - VROOOM.

Mein Enron stinkt

Die „Gemeinschaftsinitiative Soziale Marktwirtschaft“ liefert das Schulbuch für den Wirtschaftsunterricht und die Vorsitzenden der Bertelsmann Stiftung, der Ludwig-Erhard-Stiftung und der Nixdorf-Stiftung schreiben das Vorwort. Wolfgang Lieb.
Es sind manchmal die kleinen und versteckten Meldungen, die die aufschlussreichsten Informationen liefern.
„Wenn am 31. August in Niedersachsen wieder der Unterricht beginnt, werden die Gymnasiasten der Klasse 8 erstmals ´Politik-Wirtschaft` auf dem Stundenplan finden“, so beginnt ein Einspalter auf Seite 28 der Frankfurter Rundschau vom 29.8.06. Das neue Fach trete an die Stelle des Politikunterrichts.

Mit der Verknüpfung wirtschaftlicher und politischer Inhalte hätten die Länder Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen schon seit 1999 auf die „verbreitete Forderung“ reagiert, ökonomische Lehrinhalte stärker in den allgemeinbildenden Schulen zu berücksichtigen. Nun folge Niedersachsen nach.

So weit, so gut und außer vielleicht der Frage, wer die „verbreitete Forderung“ eigentlich aufstellte, nichts Bemerkenswertes.

Dass der Bundesvorsitzende der Vereinigung für Politische Bildung daran Kritik übte, dass die politische Bildung auf höchstens eine Wochenstunde zusammengekürzt würde, ist ja heutzutage nichts Besonderes.

Interessanter ist dann schon, wer bei der Lehrplanarbeit, bei der Lehrerfortbildung und vor allem bei der Schulbuchentwicklung beteiligt war.

Jedenfalls war der liberale Oldenburger Ökonomiedidaktiker Hans Kaminski das einzige wissenschaftliche Mitglied der Richtlinienkommission für dieses Fach. Er ist gleichzeitig Leiter der vom Land Niedersachsen und anderen Bundesländern eingeführten Online-Weiterbildung „Ökonomische Bildung“. Sein von ihm geleitetes „Institut für ökonomische Bildung“ (IÖB) an der Uni Oldenburg und die gGmbH „Ökonomie & Bildung“ bieten zusammen mit dem Bildungswerk der niedersächsischen Unternehmer- und Arbeitgeberverbände (BNW) gleich auch noch die Fortbildung der Lehrkräfte für das neue Fach an.

Das in dem neuen Fach verwendete, gleichfalls von Kaminski herausgegebene Schulbuch „Oec.“ (Amazon-Preis 26,95 Euro) wurde wiederum von der „Gemeinschaftsinitiative Soziale Marktwirtschaft“ initiiert. Die Gemeinschaft, die sich hinter dieser Initiative verbirgt, ist (na, wie könnte es anders sein) die Bertelsmann Stiftung, die Heinz Nixdorf Stiftung und die ordoliberale Ludwig-Erhard-Stiftung.

So nimmt es auch nicht mehr Wunder, dass in einem Schulbuch (!) die Vorsitzenden dieser der drei Wirtschaftsstiftungen das Vorwort schreiben.
Endlich mal ein Schulbuch, wie es sich die Wirtschaft wünscht.

Dass Kaminski quasi eine Monopolstellung bei Produktion und Vertrieb der politischen Bildung an Niedersachsens Schulen hat, scheint die überzeugten Wirtschaftsliberalen Förderer nicht allzu sehr zu stören. Es geht ja um die richtige Sache: „Die Förderung des Wissens und des Verständnisses von marktwirtschaftlichen Wirkungszusammenhängen in unserer Gesellschaft.“


Sicher. Klar doch. Geht in Ordnung.

Freakonomics

Wenn, wie man vielfach lesen kann, das Neue am globalisierten Kapitalismus die Unterwerfung aller, auch der letzten Lebensbereiche unter das Kapitalverhältnis sein soll, muss man fragen, ob das nicht schon am Anfang des gewöhnlichen Kapitalismus stand. P.T. Barnums "The Art of Money Getting" wäre eine schöne Hilfe zum Begreifen der ganzen Veranstaltung and what it's all about: Zirkus!

money-1Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Geldmangel sind die großen Probleme unserer Tage. Die Verwahrlosung der Gesellschaft, der Manieren und der Ethik ist nicht die Folge von Krankheit oder Liebeskummer, sondern von Armut. Die Zahl der Eigentumsdelikte ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen, und nahezu unbemerkt wurde der Geiz, einst als Wurzel allen Übels geschmäht, - zur allgemein anerkannten Tugend. Geldmangel hat eine Verrohung der Sitten zur Folge, ein Absinken des Bildungsstandes, einen Verfall von Werten. Und es hat sich gezeigt, dass die großen "Menschheitslehrer" - von Jesus bis hin zu Ralph Waldo Emerson - dagegen kein Rezept wussten.
Die Fähigkeit, ein erfülltes Leben an der Scholle und Wurzel der Zivilisation zu führen, ist nur den wenigsten gegeben. Alle anderen wurden an der Brust unserer schrillen und leuchtenden Zivilisation genährt und akzeptieren keinen anderen Geschmack. Sie stürzen sich wie Motten auf Leuchtreklamen und halten für verführerisch, was ihnen dort geboten wird. Da sie sich das meiste davon nicht leisten können, reagieren sie mit Neid und Aggression. Denn Geldmangel zieht alle möglichen anderen Übel nach sich: Wem es an den Mitteln fehlt, sich ansprechend zu kleiden oder seine Zähne richten zu lassen, der wird auch auf seiner Suche nach Liebe häufig stranden. Wer sich nicht ausdrücken kann, wird bei den Chefs in den Personalbüros kaum Erfolg haben; doch um sich weiterzubilden und sich ein ‚Mehr' an gesellschaftlicher Gewandtheit zu erwerben, bedarf es einer gewissen finanziellen Freiheit. So lässt sich sagen: Die Armut ist es, die letztlich alle Evolution rückläufig macht und in ihr Gegenteil verkehrt. Unsere Gesellschaft degeneriert, weil sie verarmt.
Dass minderbegabte Menschen, wenn sie ihren Job verlieren, kaum Gelegenheit finden, sich auf einem neuen Gebiet zu betätigen, ist klar. Das Gros der Gesellschaft ist weder clever noch begabt. Dass auch viele talentierte Menschen am Hungertuch nagen, ist wiederum häufig auch eigenes Verschulden. Die Ursachen heißen in solchen Fällen Bewegungslosigkeit, Stagnation und Verweigerung.
PT Barnum 1880 !!

Und dazu eine kurze Wiki-Einführung in Unternehmensphilosophie, Public Private Partnership, Infotainment, Workforce Management, Merchandizing, Kernkompetenz, Mergers and Acquisitions oder wie der ganze Zirkus heute heißt:

Barnum begann seine Lehrzeit in kleinen Einzelhandelsgeschäften im US-Staat Connecticut. Barnum übernahm im Jahr 1841 das American Museum in New York und baute es zu einem der größten Entertainment-Konzerne des 19. Jahrhunderts aus. Neben den Ausstellungen, die eine große Ansammlung von allem, was irgendwie interessant sein konnte, darstellten, halfen ihm dabei vor allem sein Talent zur Inszenierung und zur offensiven Öffentlichkeitsarbeit. Jeder neue Programmpunkt wurde intensiv mit Plakaten und in Zeitungen als „Sensation“ beworben.
Im Jahr 1848 hatte das American Museum alleine eine halbe Million Besucher. Die Sammlung war eine Mischung aus Kuriositätenkabinett und völkerkundlicher Ausstellung – allerdings gab es in ihr nicht einmal ansatzweise den Versuch einer wissenschaftlichen Gliederung. Hauptsächliche Aufnahmekriterien waren die Seltenheit eines Exponats und dessen dramaturgischer Wert. Dazu gehörten beispielsweise in der Anfangszeit ausgestopfte Vögel, exotische Musikinstrumente, eine Sammlung von Rüstungen, die Gipsbüste eines „Kannibalenhäuptlings“, ein Modell der Stadt Paris, ein Hund, der eine Strickmaschine bediente, eine Python, ein Orang-Utan, ein Bauchredner, ein Flohzirkus sowie eine Zigeunerin, die aus der Hand las. In den 1860ern war dieses Arsenal bereits auf ca. 850.000 Ausstellungsstücke angewachsen.
Neben Künstlern und Artisten war der Zirkus auch berühmt für seine Darsteller, die sich besonders durch körperliche Merkmale auszeichneten. Dicke Frauen, „lebende Skelette“, Albinos, Siamesische Zwillinge, Zwerge, Riesen, „das Bindeglied zwischen Mensch und Affen“, Männer und Frauen ohne Kopf, Arme, Unterleib etc. Die Beschaffung der Darsteller war dabei noch abenteuerlicher als ihre Geschichten vermuten lassen. Zwei „wiederentdeckte Aztekenkinder“ kamen eigentlich aus einem Heim für geistig Behinderte und wurden danach wieder dorthin abgeschoben. Das „Bindeglied zwischen Mensch und Affe“ war ein ebenfalls geistig behinderter Schwarzer, dem es vertraglich verboten war, seine wahre Identität zu enthüllen.
Barnum versuchte sein Ansehen zu erhöhen, indem er 1851 eine Tournee der schwedischen Sängerin Jenny Lind durch die USA organisierte. Lind, die vorher in den Vereinigten Staaten weitgehend unbekannt gewesen war, wurde innerhalb weniger Wochen zu einem nationalen Ereignis. Die Läden waren gefüllt mit Jenny-Lind-Hauben, -Schals, -Handschuhen, -Puppen, -Kämmen, -Kuchen, -Konfekt etc.
Das American Museum ging 1856 das erste Mal bankrott – Barnum hatte sich mit Immobiliengeschäften verspekuliert. Nachdem das Gebäude 1865 und 1868 zwei Mal niederbrannte, änderte er das Geschäftskonzept und gründete einen mobilen Zirkus. Der fusionierte schließlich 1885 mit dem Schausteller James A. Bailey zu Barnum and Bailey: The Greatest Show on Earth.


... eine Mischung aus Kuriositätenkabinett und völkerkundlicher Ausstellung ... Welch schöne Beschreibung einer Samstagabendshow auf RTLSAT1ARDZDF ...

Klassenmedizin

Wenn Abiturienten eine drei Jahre höhere Lebenserwartung haben als Menschen mit anderen Bildungsabschlüssen, dann haben sie doch bei einer Verkürzung der gymnasialen Bildungsgänge auf 12 Jahre eine 4 Jahre höhere Lebenserwartung, oder?

Aus einem Interview mit der Medizinsoziologin Nadja Rakowitz
Kritische Ärzte warnen vor einer neuen Klassenmedizin durch die aktuelle Gesundheitsreform. Ist das Panikmache oder Realität?

Nadja Rakowitz: Empirische Untersuchungen zeigen ganz klar, dass soziale Ungleichheit und Krankheit zusammenhängen. Z.B. leben Menschen mit Abitur im Durchschnitt 3 Jahre länger. Die Regelungen der letzten Gesundheitsreform wirkten sich tendenziell verschärfend auf das Verhältnis von Ungleichheit und Gesundheit aus. Und Gesundheitsreformen, deren oberster Zweck die Entlastung der Arbeitgeber ist, zeigen meines Erachtens deutlich den Klassencharakter solcher Politik. Die Klassenfrage ist also nicht bloß eine zwischen gesetzlich und privat Versicherten.

Sie wenden sich gegen eine Politik der Sachzwänge. Wo sind die Alternativen?

Nadja Rakowitz: Es ist eine Frage der sozialen Kräfteverhältnisse. Wenn es massenhaft Druck auf der Straße gäbe, wäre eine andere Politik durchaus auch im Gesundheitswesen möglich. Es gibt verschiedene Alternativkonzepte. Die Gewerkschaften haben Konzepte einer Bürgerversicherung in der Schublade. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Gewerkschaften diese Konzepte zur Zeit nicht forcieren. Auch die Attac-Kampagne "Gesundheit ist keine Ware" scheint zur Zeit eher zu versanden. So haben wir es hier mit der paradoxen Situation zu tun, dass es keinen nennenswerten gesellschaftlichen Widerstand gegen die neoliberale Gesundheitsreform gibt, obwohl in weiten Kreisen der Bevölkerung - das ist zumindest mein Eindruck - die Meinung verbreitet ist, Gesundheit müsse ein letztes Refugium darstellen, welches nicht völlig der kapitalistischen Logik unterworfen werden soll.


telepolis

Im Übrigen: Suche/Ersetze im letzten Satz Gesundsheits- durch Bildungs- ....

Wise Man Says

"Es gibt so viele Arschloch-Typen wie es menschliche Funktionen, Tätigkeiten und Interessengebiete gibt. Und auf jedem Gebiet kann das Verhältnis von AQ zu IQ ein anderes sein. Kein noch so kopfdenkerisches Verhalten bei einem Thema bietet Gewähr dafür, dass nicht schon beim nächsten der Arschdenk mit voller Wucht einsetzt." Charles Lewinsky, Der A-Quotient

Wise Man Says II

"The illusion of freedom will continue as long as it's profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way and you will see the brick wall at the back of the theater." Frank Zappa

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