Im aktuellen Heft der Zeitschrift
Pädagogik rezensiert Jörg Schlömerkemper interessante Literatur über pädagogische bzw. erzeihungswissenschaftliche Forschung.
Zu
Antje Langer: Disziplinieren und entspannen - Körper in der Schule – eine diskursanalytische Ethnographie schreibt er:
Nach dem traditionellen Verständnis von Schule und Unterricht ist das nicht verwunderlich: Der Körper wurde (und wird) alllenfalls als eine Art "Stativ" verstanden, das den Kopf zum Zwecke des kognitiven, begrifflichen Lernens ruhig zu halten hat.
Ein treffendes Bild!

Schlömerkemper empfiehlt auch:
Johannes Twardella
Pädagogischer Pessimismus
Eine Fallstudie zu einem Syndrom der Unterrichtskultur an deutschen Schulen
116 Seiten
Buchausgabe: 14,90 Euro
ISBN 978-3-934157-62-0
Digitale Ausgabe (PDF): 6,90 Euro
Was ist prägend für den Unterricht an deutschen Schulen? Mit der exemplarischen Interpretation einer Schulstunde wird eine Prämisse freigelegt, die sich mit den Mitteln quantitativer Forschung nicht fassen lässt, aber dennoch Unterricht in seinem Verlauf maßgeblich bestimmen kann: die Vorstellung von den Schülern als unwissenden und unerzogenen Wesen, die – das ist mit dem Begriff »pädagogischer Pessimismus« gemeint – zu einem Unterricht führen kann, in dem die Schüler massiv unterfordert und am Gängelband des Lehrers geführt werden. Diese Vorstellung zieht sich wie ein roter Faden durch die pädagogische Praxis der vorliegenden Fallstudie, bestimmt das Handeln der unterrichtenden Lehrkraft – und sieht sich am Ende durch schockierende Ergebnisse bestätigt.
Was – so stellt sich die Frage –, wenn der »pädagogische Pessimismus« nicht nur ein marginales, sondern ein weit verbreitetes Phänomen ist?
Ergänzend dazu der Hinweis auf:
PAERDU
Pädagogische Rekonstruktion des Unterrichtens und einen
Vortrag von Andreas Gruschka; der hier an Twardella anschließt:
Wenn wir den Unterricht verbessern wollen, dann kommt es darauf an, das Unterrichten zu
verbessern. Die grundlegende Strategie, die ich vorschlagen möchte, steht sowohl in
Spannung zum alltäglich Gewohnten, wie zu dem neuem didaktischen Regime, dessen
erwartbare Form ich Ihnen vorgestellt habe. Sie lautet ganz simpel: Unterrichten wir wieder
die Sachen und nicht nur ihre didaktischen Abziehbilder, indem wir die Sache mit den
Schüler erschließen und das solange treiben, bis sie alle verstanden haben (können). Dabei
geht es vor allem darum, die Kooperationsbereitschaft, das Interesse und die Neugier der
Schüler zu nutzen, um ihnen das einsichtsvolle Erkennen dessen zu ermöglichen, was sie
damit nicht nur lernen sollen. Wir nennen das in der Pädagogik Bildung. Erforderlich
erscheint mir hierfür, nicht nur das Vertrauen in die Schüler, sondern auch das in die Sache,
um die es geht. Dass sie es ist, an der Schüler interessiert sind und nicht an dem matten oft
gesichtslosen Abdruck, den das didaktische Material von ihr liefert.
Weder bedarf noch verträgt die Sache ihre übermäßige Didaktisierung. Sie ist - wie wir
sehen können - überflüssig und sie lenkt die Schüler ab auf ein Schulwissen, das ihnen
fremd bleibt.
Denken wir nur an das Drama des Deutschunterrichts, in dem ein Text von Kafka nicht als
Kunstwerk erfahren wird, sondern als beliebig austauschbares Material dafür herhalten
muss, die Form der Parabel als Definition zu lernen und mechanisch anzuwenden. Wer hat
auf diese Weise nicht sein ursprüngliches Vergnügen am Lesen verloren, wer dagegen Spaß
an germanistischen Konstruktionen bekommen?
Denken Sie an den Mathematikunterricht, in dem die Mehrheit der Schüler bis heute vor
allem eines gelernt hat, dass man für die Mysterien des Mathematischen augenscheinlich
nicht begabt ist und dass die eigene Kompetenz bereits an die kritische Grenze stößt, wenn
man einen Dreisatz rechnen muss.
Denken Sie an das Drama der sozialkundlichen Fächer, die von der Mehrheit der Schüler
deswegen verachtet werden, weil in ihnen alles bloß angedeutet, verschwätzt wird, dünne
Bretter gebohrt werden, so dass am Ende Meinungen behandelt werden, nicht aber Sache
geklärt. Laberfächer heißt es dann im Schülerjargon.
Zu diesem schlechten Unterricht kommt es erst, wo und weil die Lehrenden eben das
Vertrauen in die Schüler und die Sache verloren oder aufgegeben haben. Es ist ein
Irrglaube, der nur zu schlechtem Unterricht führen kann, man müsse es den Schüler, die
nicht wollen und nicht können, schmackhaft machen und so vereinfachen, dass sie es lernen
können im jenem Sinne der Anpassung an ein Schema.
In Deutschland liest jeder Vierte niemals ein Buch. Das belegt die aktuelle Studie „Lesen in Deutschland 2008“ der Stiftung Lesen ...
Über 2.500 Jugendliche und Erwachsene wurden bei dieser umfangreichsten Lesestudie seit dem Jahr 2000 repräsentativ befragt. Einen besonderen Fokus legte die Studie auf Menschen
mit Migrationshintergrund – und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: 36 Prozent von
ihnen lesen ein- oder mehrmals in der Woche und 11 Prozent sogar täglich. Damit greifen
sie mindestens ebenso häufig zum Buch wie der Bevölkerungsdurchschnitt mit 36 Prozent
wöchentlichen bzw. 8 Prozent täglichen Lesern. „Deutsch sprechende Migranten bilden eine
neue ´Lese-Mittelschicht´ - mit großem bildungspolitischen Potenzial“, lautet das Fazit von
Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär für Bildung und Forschung: „Ihre
Mitglieder sind wichtige Multiplikatoren, um bildungsferne Schichten zu erreichen. Und sie
belegen, dass die Vermittlung von Sprachkompetenz der Schlüssel für erfolgreiche
Leseförderung ist.“
Von diesem Phänomen abgesehen, dokumentiere die Studie das generelle „Verschwinden
des klassischen Gelegenheitslesers mit einem bis vier gelesenen Büchern im Monat“,
erklärte Professor Dr. Stefan Aufenanger für die Stiftung Lesen: „Der Vergleich mit den
Vorgängerstudien der Stiftung Lesen 1992 und 2000 zeigt, dass der ,harte Kern´ der Viel-
Leser von mehr als 50 Büchern pro Jahr mit rund 3 Prozent stets gleich bleibt. Die
Gelegenheitsleser verzeichnen allein in den vergangenen acht Jahren einen Schwund von
31 Prozent auf 25 Prozent.“ Darüber hinaus belegt die Studie das Fehlen eines besonders
wichtigen Leseimpulses: 45 Prozent der 14- bis 19-Jährigen erklären, dass sie als Kind nie
ein Buch geschenkt bekamen.
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